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PER­SPEK­TIVEN, DIE INS­PI­RIEREN

Jahresbericht 2025

MAHLE-­STIFTUNG





MAHLE-STIFTUNG

Editorial



Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde der MAHLE-STIFTUNG,

dieser Geschäftsbericht markiert gleich mehrere Meilensteine: Mit dem Feinstoff Festival feierten wir 2025 in der Kirche St. Maria in Stuttgart sechs Jahrzehnte Fördertätigkeit der MAHLE-STIFTUNG – ein Anlass, der nicht nur zurückblickt, sondern vor allem nach vorne weist. Und erstmals präsentieren wir Ihnen die Arbeit der Stiftung gemeinsam mit unserem Partner, dem INSTITUTO MAHLE in Brasilien, in einem integrierten Bericht. Was auf den ersten Blick wie eine organisatorische Neuerung erscheinen mag, ist in Wahrheit eine logische Konsequenz unserer Arbeitsweise, die Kontinente verbindet und Grenzen überwindet – gerade in Brasilien, wo es immer besser gelingt, anthroposophische Angebote in breite Teile der Zivilgesellschaft hinenzutragen.

Bei aller Zuversicht wäre es nicht redlich, die Herausforderungen zu verschweigen. Wir befinden uns in einem tiefgreifenden Wandel – knappe Ressourcen, Ökonomisierungsdruck und die Suche nach ganzheitlichen, übergreifenden Lösungen prägen den Alltag vieler gesellschaftlicher Akteure – von der Medizin bis hin zur Kultur. Gerade in solchen Zeiten zeigt sich, wie wertvoll Initiativen sind, die den Prozess der menschlichen Entwicklung wahrnehmen.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf ein Phänomen hinweisen, das unsere Gegenwart prägt: Wir leben in einer Welt, die zunehmend vom Messbaren, Quantifizierbaren bestimmt wird. Was dabei verloren zu gehen droht, ist das „Feinstoffliche“ – jene Dimensionen des Lebens, die sich der Messbarkeit entziehen, aber dennoch von fundamentaler Bedeutung sind. Denken Sie an einen Moment echter Begegnung, an die Atmosphäre eines Raums, an die Qualität einer Berührung. All das lässt sich nicht in Zahlen fassen, und doch wissen wir unmittelbar um seine Wirklichkeit.

Die Projekte, die wir fördern – sei es ein Bildungszentrum, das Inklusion durch Kunst ermöglicht, eine Initiative zur Bewahrung alter Saatgutsorten oder ein Verein, der religiöse Begegnungen durch sinnliche Erfahrung ermöglicht – alle pflegen diese feinstoffliche Dimension. Sie schaffen Räume, in denen Menschen einander wirklich begegnen können, in denen das Unsichtbare sichtbar wird.

Vielleicht ist es gerade das, was die Vision unserer Stifter Dr. Ernst und Hermann Mahle auszeichnete: Sie erkannten, dass es bei der Gründung der MAHLE-STIFTUNG um mehr ging als um Projektförderung. Es ging um Zukunftsgestaltung im umfassenden Sinne – um die Frage, wie wir als Gesellschaft leben wollen und wie wir Räume schaffen, in denen menschliche Entwicklung möglich wird.

Nichts davon wäre möglich ohne die verlässliche Unterstützung durch den MAHLE Konzern. Gerade in Zeiten tiefgreifender Transformation der Automobilindustrie steht der Konzern fest an der Seite der Stiftung. Dieses Vertrauen ist Ausdruck einer Haltung, die wirtschaftlichen Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung als untrennbar miteinander verbunden begreift.

Mein Dank gilt allen, die zum Gelingen unserer Arbeit beigetragen haben: den Mitarbeitenden der Stiftung und des INSTITUTO MAHLE, den Projektverantwortlichen, dem Beraterkreis sowie der Geschäftsführung und allen Mitarbeitenden des MAHLE Konzerns.

Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Lektüre und hoffe, dass Sie etwas von jener feinstofflichen Qualität spüren, die unsere Projekte auszeichnet – jenen Geist der Verbundenheit, der Menschen über Kontinente hinweg vereint.

Ihr

Jürgen Schweiß-Ertl Geschäftsführender Gesellschafter



Grußwort



kürzlich bin ich auf ein Zitat gestoßen, das dem südafrikanischen Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela zugeschrieben wird: „May your choices reflect your hopes, not your fears.“ Dieser Gedanke begeistert mich, weil er so klar benennt, was unsere Zeit mehr denn je braucht: mutige Entscheidungen, die aus Stärke und Zuversicht entstehen – nicht aus Sorge oder Resignation.

Genau diese Haltung prägt seit über 60 Jahren die Arbeit der MAHLE-STIFTUNG. Auch im vergangenen Jahr hat die Eignerin unseres Unternehmens rund 120 Projekte in den Bereichen Bildung und Erziehung, Kunst und Kultur, Gesundheit und Pflege sowie Landwirtschaft und Ernährung gefördert. Es sind Initiativen, die Menschen darin bestärken, neue Wege zu gehen, ihre Potenziale zu entfalten und das Leben nachhaltig zu verändern. Denn Zukunft entsteht dann, wenn Menschen mutig, verantwortungsbewusst und voller Zutrauen Dinge anpacken.

Wie gut das bereits vielerorts funktioniert, wurde im vergangenen Herbst besonders eindrucksvoll sichtbar – beim Feinstoff Festival, das anlässlich des 60-jährigen Bestehens der MAHLE-STIFTUNG die Stuttgarter Kirche St. Maria in einen offenen Resonanzraum verwandelte. Vier Tage lang drehte sich in St. Maria alles um Kunst, Kultur, Spiritualität und gesellschaftlichen Dialog. Konzerte, Performances, Lesungen, Tanz und Installationen haben die Besucherinnen und Besucher begeistert, weil sie das Sehen, Hören, Fühlen und Erleben gleichermaßen ansprachen. So wurde die Kirche zu einem Ort der Kreativität, Vielfalt und Inspiration für Neues.

Inspiration und neue Denkanstöße vermittelt auch unsere Veranstaltungsreihe, die wir gemeinsam mit der MAHLE-STIFTUNG in unserem 2025 modernisierten Marken- und Kommunikationszentrum, dem MAHLE Inside, seit nunmehr zwei Jahren für unsere Mitarbeitenden ausrichten: Der „Philosophische Feierabend“ wird zum Treibstoff für Geist und Seele, weil er neue Impulse zu den grundlegenden Fragen unseres Daseins liefert. Unterhaltsam und anspruchsvoll zugleich.

Höchst anspruchsvoll war das Jahr 2025 für das Unternehmen MAHLE. Die herausfordernde wirtschaftliche Situation mit rückläufigen Automobilmärkten in Europa und Nordamerika, die geopolitischen Spannungen und die anhaltenden Diskussionen um Zölle haben uns in Atem gehalten. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen haben wir uns 2025 weiter darauf fokussiert, unsere Resilienz und Ertragskraft zu stärken sowie unsere Profitabilität zu steigern. An vielen Stellen ist uns das sehr gut gelungen.

So haben wir zum Beispiel unseren Konzern innerhalb von nur 200 Tagen aus eigener Kraft reorganisiert. Wir haben Geschäftsbereiche gebündelt, die Geschäftsführung und oberen Führungsebenen verschlankt und Verantwortung an unsere Regionen übertragen. In Verbindung mit unserem Programm „Back on Track“ sind wir damit unserem Ziel nähergekommen, die Zusammenarbeit und die Prozesse konzernweit zu verbessern, effizienter zu agieren und dadurch schneller und effektiver für unsere Kunden zu werden.

Wir werden weiterhin daran arbeiten, unsere Position als Innovationspartner der Automobilindustrie auszubauen. Produkte wie zum Beispiel unser neues hocheffizientes Range Extender System oder das neue Thermomanagementmodul helfen, die Reichweite von E-Fahrzeugen zu erhöhen und Elektromobilität damit noch attraktiver zu machen. Gleichzeitig bilden unsere Produkte aus der Automobilwelt eine gute Basis für Innovationen in anderen Märkten und Branchen: Neue Kühlmodule für stationäre Batteriespeicher und Megawatt-Laden sind solche vielversprechenden Beispiele, die wir 2025 präsentiert haben.

Das ereignisreiche Jahr 2025 fand einen bemerkenswerten Abschluss, der zugleich das Ende einer Ära markierte: Der langjährige Vorsitzende des MAHLE Aufsichtsrats und der MABEG, Professor Dr.-Ing. Heinz K. Junker, hat nach zehn Jahren die Führung beider Kontrollgremien an seinen Nachfolger, Dr. Michael Macht, übergeben. Wir verneigen uns dankbar vor einer Persönlichkeit, die unser Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend geprägt hat. Und wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Dr. Macht.

Auch 2026 wird für MAHLE ein intensives und arbeitsreiches Jahr. Wir werden weiter an unseren Aufgaben mit Nachdruck, Fokus und Strategie arbeiten. Dass wir das auf diese Weise tun können, verdanken wir der MAHLE-STIFTUNG, die als werteorientierte Gesellschafterin nachhaltiges, vorausschauendes Handeln ermöglicht.

Ich danke der MAHLE-STIFTUNG für ihr kontinuierliches Engagement und ihre Zuversicht – all das ist keine Selbstverständlichkeit in diesen Zeiten. Für 2026 wünsche ich der Stiftung viel Erfolg. Wir bei MAHLE werden unseren Beitrag leisten, damit aus ihren Förderprojekten auch künftig Mut, Stärke und Zutrauen wachsen können.



Arnd Franz Vorsitzender der Geschäftsführung und CEO des MAHLE Konzerns



Die Gesellschafter und der Beraterkreis der MAHLE-STIFTUNG



Die Gesellschafter



Der Beraterkreis



Feinstoff Festival: vier Tage zwischen Himmel und Erde

Wenn Engelsstimmen durch gotische Gewölbe schweben, Licht zu Musik wird und auf dem Kirchenvorplatz Menschen aller Generationen gemeinsam jonglieren – dann ist mehr im Spiel als nur ein Kulturfestival. Vom 2. bis 5. Oktober 2025 verwandelte sich die Kirche St. Maria in Stuttgart in einen Ort, an dem das Feinstoffliche spürbar wurde: jene besondere Qualität, die zwischen Materiellem und Geistigem, zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem vermittelt.

Eine Vision wird Wirklichkeit

Mit dem Feinstoff Festival feierte die MAHLE-STIFTUNG 60 Jahre Förderarbeit – und beschenkte damit vor allem die Stadt Stuttgart. Kostenlos, für alle, mitten im pulsierenden Leben. Genau das hatten Hermann und Dr. Ernst Mahle 1964 im Sinn, als sie ihre Stiftung gründeten: eine Wirtschaft im Dienst der Gesellschaft, Gemeinwohlorientierung statt Exklusivität. Das Festival machte diese Haltung vier Tage lang erlebbar.

Die Wahl des Veranstaltungsortes war programmatisch: Die Kirche St. Maria öffnet ihre Türen unter dem Motto „Wir haben eine Kirche. Sie haben eine Idee?“ für alle Menschen, unabhängig von Alter, Herkunft, Religion oder Einkommen. Genau dieser Geist durchzog auch das Festival – von den ausrangierten Kirchenbänken auf dem Vorplatz, die zu Sitzgelegenheiten wurden, bis zu den bunten Sonnenschirmen, die den städtischen Raum in eine Oase der Begegnung verwandelten.

Stoffwechsel der Künste

Das Programm orchestrierte einen echten „Stoffwechsel“ zwischen künstlerischen Positionen und Disziplinen. Der figure humaine kammerchor eröffnete das Festival mit einer musikalischen Reise durch die Engelswelt – von barocken Lobgesängen bis zur Uraufführung einer eigens komponierten Engelsmusik. In den ehrwürdigen Kirchenmauern entfalteten die Stimmen eine Kraft, die viele Besucherinnen und Besucher als zutiefst berührend beschrieben.

Ganz anders, aber nicht weniger eindringlich, präsentierte sich die späte Performance von Laurenz Theinert und Bo & Herb: Wenn Klang zu Licht wird und Licht zu tönen beginnt, verschwimmen die Grenzen zwischen den Sinnen. Das „Visual Piano“ erzeugte live und in Echtzeit raumfüllende Lichtstrukturen, während analoge und digitale Soundwelten einen hypnotischen Klangraum erschufen. Bis nach Mitternacht saßen Menschen gebannt in den Kirchenbänken – manche mit geschlossenen Augen, ganz dem Klang hingegeben, andere fasziniert von den pulsierenden Lichtformationen.

Generationen begegnen sich

Besonders lebendig wurde es, wenn das Circuleum sein Circusmobil auf dem Kirchenvorplatz öffnete. Kinder und Erwachsene probierten sich an Jonglage, Akrobatik und Tellerdrehen – ein heiterer Kontrapunkt zu den kontemplativen Momenten in der Kirche. Das umgebaute Feuerwehrauto wurde zum Publikumsmagneten, und nicht selten verließ eine Achtjährige gemeinsam mit ihrer Großmutter lachend die improvisierten Übungsmatten.

Die akrobatische Performance „Gap of 42“ von Chris und Iris lotete auf berührende Weise aus, wie Unterschiede – 42 Zentimeter Größe, 42 Kilogramm Gewicht – nicht trennen, sondern verbinden können. Drei Holzkisten wurden zu Spielpartnern, die den Größenunterschied ausglichen und poetische Momente der Begegnung auf Augenhöhe ermöglichten.

Zwischen Tradition und Gegenwart

Das Forum Theater wagte sich mit „Rilkes Engel“ an die Duineser Elegien – jenes schier unergründliche Meisterwerk deutscher Lyrik. „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“ Mit dieser Frage begann eine performative Annäherung an Rilkes geheimnisvolle Verse, begleitet von der Musik Grischa Lichtenbergers. Die Aufführung bewies eindrücklich, dass herausfordernde Kunst und breite Zugänglichkeit kein Widerspruch sein müssen.

Einen ganz anderen Zugang zur Engelsthematik bot das Philosophische Seminar mit Dr. Lydia Fechner und Prof. Dr. Harald Schwaetzer. Der einführende Vortrag zur christlichen Engellehre und die anschließende Bilderreise durch die Kunstgeschichte zeigten, wie sich das Verständnis dieser geistigen Wesen über die Jahrhunderte entwickelte. Im gut gefüllten Kirchenschiff wurde deutlich: Das Interesse an grundlegenden Fragen des Menschseins ist ungebrochen.



Klang als Brücke

Musik durchzog das Festival in all ihren Facetten. Die Organistin Lydia Schimmer entfaltete an der gewaltigen Orgel von St. Maria die ganze Bandbreite engelshafter Klänge – von Messiaen bis Andrew Lloyd Webber. Das Obertonensemble Beyond Vowels ließ mit seiner Technik des polyphonen Obertongesangs achtstimmige Klänge aus vier Stimmen entstehen und verwandelte den Kirchenraum in eine Klangkathedrale.

Auch das Freie Jugendseminar trug seinen Teil bei: 35 junge Menschen aus aller Welt brachten mit ihrem Chor internationale Chormusik zu Gehör – so vielfältig wie die Teilnehmenden selbst. Als besondere Hommage an den kürzlich verstorbenen deutsch-brasilianischen Komponisten Ernst Mahle (1929–2025) erklang eine eigens komponierte Uraufführung von Jean Kleeb.

Poesie in allen Formen

Beim Poetry Slam „Dead or Alive?!“ trafen zeitgenössische Bühnenpoeten auf die große Weltliteratur. Das Sprechensemble der Akademie für gesprochenes Wort erweckte verstorbene Dichterinnen und Dichter zum Leben und ließ sie gegen Aileen Schneider und Marvin Suckut antreten. Ein poetischer Kampf der Epochen, bei dem das Publikum am Ende entscheiden durfte: Haben die Klassiker noch Bestand oder siegt die Kraft der Gegenwart?

Auf dem Kirchenvorplatz lud das Kollektiv „Dreaming in Women*“ gemeinsam mit „Eine Unterhaltung im Freien“ zum Lesen, Picknicken und Nähen ein. Mitgebrachte Stoffstücke wurden zu einer wachsenden Picknickdecke verbunden, während Texte über Engel, Monster und andere queere Kreaturen erklangen – Grenzgänger zwischen den Welten, auf Deutsch und Englisch.

Kunst, die nachhallt

Die Ausstellung in der Kirche setzte sich mit der Anwesenheit des Abwesenden auseinander. Dawn Nilos Installation „Conference of Angels I“ ließ Schreinerei-Stühle aus dem Goetheanum und Ready-made-Objekte mitei-nander „beraten“. Veronike Hinsbergs „MATERial“ verwandelte das Textilkonvolut ihrer verstorbenen Mutter in ein lebendiges Speichermedium, in dem Zeit und soziale Kontexte sichtbar wurden. Julia Schäfers dreiteilige Videoarbeit „Re-reverse“ erinnerte an die fast vergessene Tradition des Ausläutens und das kollektive Trauma des „Glockensterbens“ während des Zweiten Weltkriegs.

Eine Idee trägt weiter

Was bleibt von vier Festivaltagen? Mehr als Erinnerungen an schöne Konzerte und berührende Performances. Das Feinstoff Festival hat gezeigt, wie Kultur verbinden kann – zwischen Generationen, zwischen künstlerischen Disziplinen, zwischen verschiedenen Wirklichkeitsauffassungen. Es hat einen Raum geöffnet, in dem Gemeinschaft jenseits von Konsum und Repräsentation möglich wird.

Die MAHLE-STIFTUNG dankt allen Künstlerinnen und Künstlern, den Kooperationspartnern sowie allen Besucherinnen und Besuchern, die das Festival zu dem machten, was es war: ein Fest für alle, mitten im Leben der Stadt. Ein Fest, das die Vision der Stiftungsgründer auf lebendige Weise weitertrug und zeigte, was entsteht, wenn Kunst nicht abgehoben, sondern bodenständig bleibt – und gerade deshalb in höhere Sphären zu erheben vermag.



Gesundheit und Pflege

Wo sich Unternehmergeist und Heilkunst begegnen

50 Jahre Filderklinik

Eine Stuttgarter Villa wird zu klein, zwei Brüder erkennen das Potenzial – und aus einem Traum entsteht eine der bedeutendsten anthroposophischen Kliniken Europas.

Es ist das Jahr 1963, als sich in einem kleinen Kreis engagierter Ärztinnen und Ärzte eine folgenreiche Idee zu formen beginnt. In einer Stuttgarter Villa praktiziert Dr. Walter Bopp seit Kriegsende eine Art Medizin, die weit über das übliche Maß hinausgeht. Seine internistische Klinik mit gerade einmal 40 Betten arbeitet nach den Prinzipien der anthroposophischen Medizin – jener von Rudolf Steiner begründeten Heilkunst, die den Menschen und seine Gesundheit als Einheit von Körper, Seele und Geist begreift.

Hermann und Ernst Mahle (1938)

Doch die bescheidenen Räumlichkeiten werden der wachsenden Nachfrage nicht mehr gerecht. Was in der Villa möglich ist, stößt schnell an seine Grenzen: Es fehlt ein Aufzug, Schwerkranke müssen in Korbsesseln auf die Stationen getragen werden, moderne medizinische Ausstattung findet kaum Platz. Der Ärztekreis um Dr. Bopp träumt längst von etwas Größerem – einer modernen anthroposophischen Klinik mit verschiedenen Fachabteilungen, die Stuttgart und der Region eine echte Alternative zur rein schulmedizinischen Versorgung bieten könnte.

Dann bringt der gemeinsame Steuerberater sie mit zwei Brüdern aus dem schwäbischen Unternehmermilieu zusammen. Hermann und Ernst Mahle, die erfolgreichen Kolbenproduzenten, sind nicht nur geschäftstüchtige Industrielle, sondern auch überzeugte Anthroposophen. Als praktizierende Geschäftsmänner wissen sie: Visionen allein genügen nicht – es braucht die richtigen Partner und vor allem eine solide finanzielle Basis.

Vom Zufall zur Fügung

Das Jahr 1964 wird zum Schicksalsjahr für alle Beteiligten. Fast zeitgleich entstehen zwei Institutionen, die das Projekt Filderklinik erst möglich machen: Im März wird der gemeinnützige Verein Filderklinik e.V. ins Stuttgarter Vereinsregister eingetragen, im Dezember folgt die Gründung der MAHLE-STIFTUNG GmbH. Was wie organisatorische Routine aussieht, ist in Wahrheit die Geburtsstunde eines der ehrgeizigsten medizinischen Projekte der Region.

Die Verbindung zwischen dem Ärztekreis und den Gebrüdern Mahle erweist sich als Glücksfall. Hier treffen medizinische Kompetenz und unternehmerische Erfahrung aufeinander, hier begegnen sich Menschen, die eine gemeinsame Vision teilen: eine Medizin, die mehr ist als die Summe ihrer technischen Möglichkeiten.

Wenn Pläne auf die Realität treffen

Doch zwischen Traum und Verwirklichung liegen, wie so oft, unvorhergesehene Hindernisse. Der ursprünglich favorisierte Standort in Stuttgart-Heumaden erweist sich als nicht realisierbar. Die Zeit vergeht, Ernst Mahle wird ungeduldig – der mittlerweile Siebzigjährige möchte die Klinik noch zu Lebzeiten eröffnet sehen.

Da kommt Bewegung in die festgefahrene Situation: Friedhardt Pascher, der tatkräftige Bürgermeister des beschaulichen Filderortes Bonlanden, erkennt die Chance. Eine moderne Klinik in seiner Gemeinde – das wäre ein echter Gewinn für die Region. Gemeinsam mit seinem Kollegen Bürgermeister Illig aus dem benachbarten Plattenhardt wirbt er um das Projekt. Seine Hartnäckigkeit zahlt sich aus: Am 15. Oktober 1972 erfolgt die Grundsteinlegung auf der Haberschlaiheide, am malerischen Rand eines mit Wacholder bewachsenen Landschaftsschutzgebietes.

Mehr als nur ein Krankenhaus

Was dann entsteht, sprengt alle ursprünglichen Dimensionen. Aus den anfangs geplanten 70 bis 120 Betten werden schließlich 216 – die Filderklinik entwickelt sich zu einem Akut- und Allgemeinkrankenhaus mit den Abteilungen Innere Medizin, Chirurgie, Gynäkologie/Geburtshilfe, Pädiatrie und – für die damalige Zeit höchst ungewöhnlich – Psychosomatik. Für die zahlreichen Mitarbeitenden und ihre Familien entstehen 132 Wohnungen unterschiedlicher Größe, für die Kinder eine Tagesstätte.

Die Baukosten von etwa 50 Millionen DM übersteigen bei weitem die finanziellen Möglichkeiten der MAHLE-STIFTUNG. Kredite müssen aufgenommen werden, denn das Haus soll nicht nur funktional und technisch modern werden, sondern auch „architektonisch lebendig und künstlerisch gestaltet“, wie es in den Planungsunterlagen heißt.

Ein neues Kapitel beginnt

Am 29. September 1975 ist es endlich soweit: Die Filderklinik wird feierlich eröffnet. Mehr als 6.000 neugierige Besucherinnen und Besucher strömen zur Besichtigung des architektonisch ungewöhnlichen Krankenhauses. In seiner Ansprache würdigt Ernst Mahle seinen verstorbenen Bruder Hermann, der die Eröffnung leider nicht mehr erleben konnte.

Bereits ein Jahr zuvor war der Förderverein Filderklinik e.V. gegründet worden, der nun das Gebäude vom Verein Filderklinik e.V. mietet und den praktischen Klinikbetrieb übernimmt. Eine kluge Konstruktion, die sich bis heute bewährt.

Ein Vermächtnis mit Zukunft

Was 1963 als kühne Vision einiger Ärztinnen und Ärzte begann und durch die Weitsicht zweier Unternehmerbrüder möglich wurde, ist heute eine feste Größe in der deutschen Medizinlandschaft. Die Filderklinik zeigt täglich, dass anthroposophische Medizin und modernste Medizintechnik keine Gegensätze sind, sondern sich zu einer Heilkunst verbinden lassen, die den Menschen in seiner Ganzheit ernst nimmt.

Hermann und Ernst Mahle hätten ihre Freude daran gehabt: Aus ihrer Vision ist nicht nur ein Krankenhaus entstanden, sondern ein lebendiger Ort, an dem täglich „Gemeinwohl vor Eigennutz“ praktiziert wird – ganz im Sinne ihrer Stiftungsphilosophie.

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Gesundheit und Pflege

Von der Vision zu Wirklichkeit: 50 Jahre Filderklinik im Zeichen der ganzheitlichen Medizin

Was 1975 als ehrgeiziges Experiment begann, ist heute eine feste Größe in der deutschen Medizinlandschaft. Die Filderklinik zeigt seit fünf Jahrzehnten, dass anthroposophische Medizin und modernste Technik keine Gegensätze sind – sondern sich zu einer Heilkunst verbinden lassen, die den Menschen in seiner Ganzheit ernst nimmt.

Grundsteinlegung Filderklinik (15. Oktober 1972)

Als am 29. September 1975 mehr als 6.000 neugierige Besucherinnen und Besucher zur Eröffnung der Filderklinik strömten, war dies mehr als nur die Besichtigung eines neuen Krankenhauses. Es war die Begegnung mit einer Vision, die Medizin neu zu denken. „Das Haus war feierlich geschmückt und glich einem Blumenmeer“, erinnerte sich Ernst Mahle später an jenen denkwürdigen Tag.

Doch zwischen Traum und Realität lagen – wie so oft – unvorhergesehene Herausforderungen. Die ursprünglich geplanten 70 bis 120 Betten waren längst auf 216 angewachsen. Was als internistische Klinik begonnen hatte, war zu einem vollwertigen Akut- und Allgemeinkrankenhaus mit den Abteilungen Innere Medizin, Chirurgie, Gynäkologie/Geburtshilfe, Pädiatrie und der für damalige Verhältnisse geradezu revolutionären Psychosomatik geworden.

Gedenktafel in der Filderklinik

Anthroposophische Medizin wird lehr- und lernbar

Rudolf Steiner hatte den Ärzten seinerzeit eine besondere Aufgabe gestellt: Sie sollten eine praxisorientierte Einführung in die Methodik der Anthroposophischen Medizin gewährleisten. Diese Aufgabe nahmen die Gründerinnen und Gründer der Filderklinik mit dem Ernst von Pionieren auf.

Bereits 1982 eröffnete die Freie Krankenpflegeschule an der Filderklinik, finanziert aus Mitteln der MAHLE-STIFTUNG und eines Ausbildungsplatzförderungsprogramms des Bundes.

Aus diesem Impuls entwickelte sich ein ganzes Bildungsuniversum. Das 2012 gegründete Pflegebildungszentrum wagte sich an innovative Konzepte wie die „Lernwege – individuelles Lernen in der Pflegeausbildung“. Hier lernen zukünftige Pflegende durch neue kooperative Lernformen und Möglichkeiten zur persönlichen und beruflichen Reflexion schon in ihrer Ausbildung, den strukturellen Herausforderungen des Gesundheitswesens zu begegnen.

Das später in Eugen-Kolisko-Akademie umbenannte Anthroposophische Ärzteseminar wurde zu einer internationalen Ausbildungsstätte mit Ausstrahlung weit über Deutschlands Grenzen hinaus. Es brachte nicht nur kompetente Ärztinnen und Ärzte hervor, sondern Botschafter einer anderen Art des Heilens.

Innovation und Tradition im Einklang

Die ersten Jahrzehnte waren geprägt von einem kontinuierlichen Wachstum und der schrittweisen Etablierung als medizinisches Zentrum von überregionaler Bedeutung. Zur wachsenden Akzeptanz trug bei, dass 1977 ein Landeplatz für Rettungshubschrauber gebaut und die Filderklinik 1978 in den Rettungsplan des Landkreises aufgenommen wurde. Was einst als alternative Medizin belächelt worden war, erwies sich zunehmend als unverzichtbarer Baustein der regionalen Versorgung.

Äußere Anwendungen sind Pflege und Therapie zugleich

Heute zeigt sich die geglückte Synthese aus Tradition und Innovation besonders eindrucksvoll in der medizintechnischen Ausstattung. „Inzwischen haben wir 4K-Auflösung; das ist viermal so viel wie bei einem HD-Fernseher und damit sieht man bei der OP wirklich jedes Detail“, erklärt Prof. Dr. Marty Zdichavsky die hochmodernen Laparoskopietürme. Gleichzeitig – und hier liegt das Besondere – erhalten Patientinnen und Patienten nach Operationen wie selbstverständlich spezielle Eukalyptus-Einreibungen zur besseren Durchlüftung der Lunge oder wohltuende Rosmarin-Fußeinreibungen zur Thromboseprophylaxe. Modernste Gerätemedizin und Natur gehen ohne viel Aufhebens Hand in Hand.

Medizinische Spitzenleistung mit menschlichem Antlitz

Besonders drei Bereiche entwickelten rasch überregionale Ausstrahlung: Pädiatrie, Psychosomatik und Geburtshilfe. Letztere wurde zum eigentlichen Markenzeichen der Klinik. 2003 erhielt die Filderklinik als 14. Krankenhaus der Bundesrepublik das begehrte Zertifikat „still- und babyfreundlich“. 2014 erblickte bereits das 45.000. Kind das Licht der Welt in Filderstadt – eine Zahl, die für sich spricht.

Der 2021 eröffnete Erweiterungsbau der Neonatologie verkörpert diese Philosophie exemplarisch. Hier verfügt man über Medizintechnik der neuesten Generation für das Monitoring, die Beatmung und die Versorgung von Neu- und Frühgeborenen. Doch was diesen Hightech-Tempel von anderen unterscheidet: Die Räumlichkeiten sind so großzügig gestaltet, dass auch die Betten der Mütter in die Zimmer passen – Technik im Dienst der Menschlichkeit.

Vielmehr steht in ihrem Fokus, dem Leben von unheilbar kranken Menschen Qualität zu geben, so lange wie möglich

Dr. Stefan Hiller

Ein weiterer Meilenstein war 2009 die Eröffnung des „Zentrums für integrative Onkologie“. „Palliativmedizin ist – entgegen der landläufigen Wahrnehmung – keine reine Sterbebegleitung“, stellt Dr. Stefan Hiller, Chefarzt des Zentrums, klar. „Vielmehr steht in ihrem Fokus, dem Leben von unheilbar kranken Menschen Qualität zu geben, so lange wie möglich.“

2023 kam mit Professor Thorsten Kühn ein ausgewiesener Experte für Frauenheilkunde hinzu, unter dessen Ägide im Jahr 2025 ein zertifiziertes Brustkrebszentrum entstanden ist.

2024 schließlich erhielt die Klinik die Zertifizierung als Adipositaszentrum – ein Bereich, in dem das Zusammenspiel von medizinischer Kompetenz und menschlicher Zuwendung besonders gefragt ist. „Adipositas ist ein komplexes Zusammenspiel aus körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren“, erklärt Dr. Ute Gunzenhäuser, Oberärztin und Leiterin des Zentrums. Mit einer bemerkenswerten Offenheit fügt sie hinzu: „Dank der MAHLE-STIFTUNG haben wir den wirtschaftlichen Druck nicht ganz so stark wie andere Häuser. Das gibt uns die Freiheit, auch mal einen Patienten drei Monate länger zu betreuen, wenn das zum Erfolg führt.“

Wirtschaftliche Herausforderungen meistern

Die Einführung der Fallpauschalen 2004 stellte alle deutschen Krankenhäuser vor neue Herausforderungen – die Filderklinik in besonderem Maße. „Menschen werden nicht als gesund entlassen, sondern als nicht mehr krankenhauspflichtig“, beschrieb ein erfahrener Pfleger die neue Realität. Anthroposophische Therapien brauchen mitunter Zeit, bis sie voll greifen – ein Luxus, den das neue Abrechnungssystem nur bedingt zuließ.

Um flexibel agieren zu können, wurde die Filderklinik 2006 in eine gemeinnützige GmbH umgewandelt. Die MAHLE-STIFTUNG hält heute 70 Prozent der Anteile und unterstreicht damit ihre dauerhafte Verbundenheit mit dem Projekt.

Forschung als Brücke zwischen den Welten

2010 entstand mit dem ARCIM Institute eine Einrichtung, die akademische Forschung in der Komplementär- und integrativen Medizin betreibt. Hier wird wissenschaftlich erforscht, was anthroposophische Ärztinnen und Ärzte seit Jahrzehnten aus der Praxis wissen: dass ganzheitliche Therapien wirken. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Eine der ersten ARCIM-Studien belegte die Wirksamkeit rhythmischer Einreibungen bei Rückenschmerzen. Weitere Untersuchungen zeigen, dass Misteltherapien chronische Erschöpfung lindern oder dass fast die Hälfte der kleinen Patientinnen und Patienten mit Lungenentzündungen dank integrativer Therapieansätze ohne Antibiotika erfolgreich behandelt werden kann.

Bauliche Entwicklung als Spiegel des Erfolgs

Der Erfolg der Klinik spiegelte sich von Beginn an in kontinuierlichen Baumaßnahmen wider. Bereits der erste Geschäftsführer Ernst Harmening brachte es auf den Punkt: „Seit der Eröffnung leben wir auf den Tag des Entlastungsbaus hin.“ Was als charmante Übertreibung gemeint war, erwies sich als prophetisch.

1996 wurde mit Unterstützung der MAHLE-STIFTUNG der 11.000 Quadratmeter große Erweiterungsbau fertiggestellt. 2007 folgte eine neue Eingangshalle, die Patientinnen und Patienten seither als „lichtdurchflutete begrünte Insel“ erleben – so die begeisterte Beschreibung der Esslinger Zeitung. Architektur als Beitrag zur Therapie, könnte man sagen.

Ausblick: Bewährtes bewahren, Neues wagen

Im Tun neigen sich die Götter

Ita Wegman

Heute, 50 Jahre nach ihrer Gründung, steht die Filderklinik vor neuen Herausforderungen. Demografischer Wandel, Digitalisierung, Fachkräftemangel und explodierende Kosten prägen die Diskussionen über die Zukunft der Medizin. Doch gerade diese Herausforderungen zeigen, wie aktuell die Gründungsidee noch immer ist, die zeitlos aktuell bleibt: „Im Tun neigen sich die Götter“, hatte die anthroposophische Ärztin Ita Wegman einst gesagt. Dieser Satz, der bei der Grundsteinlegung mit in die Baugrube gelegt wurde, ist heute so relevant wie damals. Die Filderklinik zeigt täglich, dass technische Exzellenz und menschliche Zuwendung keine Gegensätze sind – sondern die beiden Seiten einer Medaille, die den Namen Heilkunst verdient.



Gesundheit und Pflege

Die Filderklinik im Wandel

Zukunftsmedizin zwischen Hightech und Heilkunst

Das deutsche Gesundheitswesen steht vor einem tiefgreifenden Umbruch. Während viele Kranken-häuser um ihre Existenz bangen, blickt die Filder-klinik erstaunlich zuversichtlich nach vorn. Geschäftsführer Nikolai Keller über kluge Vorarbeit, die Kraft der Spezialisierung und eine Medizin, die beides sein will: hochmodern und menschlich.



Eine Reform, die alles verändert

Seit Ende 2024 ist das Krankenhausversorgungs-verbesserungsgesetz in Kraft – und mit ihm eine der umfassendsten Strukturreformen im deutschen Gesundheitswesen seit Jahrzehnten. Das alte System der Fallpauschalen, das Kliniken zu immer mehr Behandlungen trieb, wird schrittweise durch 65 bundeseinheitliche Leistungsgruppen ersetzt. Künftig dürfen Krankenhäuser nur noch anbieten, wofür sie die entsprechenden Qualitätskriterien erfüllen: vom Facharztpersonal über die Medizintechnik bis hin zu spezialisierten Fachabteilungen. Rund 60 Prozent der Betriebskosten sollen dann über sogenannte Vorhaltepauschalen finanziert werden – unabhängig davon, wie viele Patientinnen und Patienten tatsächlich behandelt werden.

Was für viele Häuser existenzielle Fragen aufwirft, hat für die Filderklinik in Filderstadt-Bonlanden einen fast paradoxen Effekt: Sie steht vergleichsweise gut da. „Wir haben in den letzten sieben Jahren unsere Hausaufgaben gemacht“, sagt Geschäftsführer Nikolai Keller. Der Grund: Die Klinik hat sich konsequent auf Spezialisierung und Zertifizierung konzentriert – eine Strategie, die sich nun als vorausschauend erweist.

Wir sind vor 50 Jahren als Haus der Grund- und Regelversorgung gestartet“, erklärt Keller. „Den Anspruch, für die Menschen hier in der Region da zu sein, haben wir immer noch.

5 Zentren, ein klares Profil

Fünf zertifizierte Zentren sind das Ergebnis dieser strategischen Neuausrichtung: ein Brustkrebszentrum, das Ende 2025 seine Zertifizierung erhielt, ein Adipositaszentrum, ein minimalinvasives chirurgisches Zentrum, ein Hernienzentrum und das Perinatalzentrum mit der traditionsreichen Geburtshilfe. Dazu kommen Fachabteilungen, die auf hohem Niveau arbeiten – von der Inneren Medizin über die Chirurgie bis zur Psychosomatik.

Aber wir mussten uns fragen: Wofür stehen wir eigentlich? Was können wir richtig gut? Und nur das sollten wir auch machen.

Die Filderklinik hat alle für sie wichtigen Leistungsgruppen in Aussicht gestellt bekommen. Während andere Häuser nun vor der Herausforderung stehen, für zu viele Bereiche zu wenig Fachpersonal nachweisen zu können, profitiert die anthroposophische Klinik von ihrer bewussten Beschränkung auf das Wesentliche.

Die besondere Rolle der MAHLE-STIFTUNG

Dass die Filderklinik diesen Weg gehen konnte, liegt auch an einer Besonderheit, die sie von den meisten Krankenhäusern unterscheidet: Sie ist eine Einrichtung, die die MAHLE-STIFTUNG – 1964 von den Brüdern Hermann und Dr. Ernst Mahle gegründet – bis heute als Gesellschafterin unterstützt.

„Die Mittel der MAHLE-STIFTUNG fließen nahezu ausschließlich in die Infrastruktur“, erläutert Keller. „Das hilft uns enorm, denn dadurch können wir uns in der Medizingerätetechnik oder auch baulich so weiterentwickeln, wie es bei einem Haus unserer Größenordnung normalerweise niemals möglich wäre.“

Konkret bedeutet das: modernste bildgebende Diagnostik, vom MRT über die Mammographie bis zur Röntgendiagnostik, und die Möglichkeit, technologische Entwicklungen zeitnah mitzugehen. Derzeit führt die Klinik beispielsweise KI-gestützte Endoskopie ein – ein System, bei dem ein Rechner im Hintergrund die Bilder analysiert und den erfahrenen Spezialistinnen und Spezialisten Hinweise gibt.

Regenerativ in die Zukunft

Die nächsten großen Investitionen sind bereits in Planung. An erster Stelle steht eine neue Energiezentrale, die das gesamte Klinikareal – einschließlich Wohnanlage, Kindergarten und Krankenpflegeschule – mit regenerativer Energie versorgen soll. Der Antrag zur Baugenehmigung wurde eingereicht, die Umsetzung ist für die kommenden zwei bis drei Jahre geplant.

„Wir wollen weg vom Gas und Öl“, sagt Keller. Die Nachhaltigkeit liegt der Filderklinik ohnehin am Herzen: Eine eigene Nachhaltigkeitsmanagerin koordiniert die Bemühungen, gemeinsam mit der Universität Stuttgart wurde ein Maßnahmenkatalog erarbeitet. Von der Umstellung der Beleuchtung über die Reduktion von Narkosegasen – eine der größten Umweltbelastungen im Klinikbetrieb – bis hin zur Rettung von Lebensmitteln reicht das Spektrum.

Wir machen kein Greenwashing, betont der Geschäftsführer. Gute Nachhaltigkeit kostet nichts, sondern spart Geld – zumindest in der Perspektive. Aber sie ist anstrengend. Die Filderklinik habe sich bewusst gegen Kompensationsgeschäfte mit Waldaufforstung oder Emissionshandel entschieden.

Stattdessen setzt sie auf echte Veränderungen im Betrieb – und bezieht dabei auch die Zusammenarbeit mit Lieferanten ein: Wir können nicht jeden Vertragspartner bis zur Schmerzgrenze runterhandeln. Beide Seiten müssen zufrieden sein – das sind nachhaltige Beziehungen.

Der Mensch im Mittelpunkt

Der Fachkräftemangel macht auch vor der Filderklinik nicht halt. Doch die Rahmenbedingungen – von günstigen Wohnungen über kostenlose Parkplätze bis zur hervorragenden Betriebsverpflegung – machen das Haus attraktiv. Entscheidender aber sei etwas anderes, betont Keller: die Entwicklungsperspektiven.

„Bei uns ist die Pflege nicht nur auf Körperpflege und Medikamentengabe reduziert“, erklärt er. „Unser Berufsprofil ist Pflege und Therapie. Die Pflegenden sind gleichberechtigter Teil des therapeutischen Teams.“ Das komme gut an – auch bei Menschen, die zunächst ohne Bezug zur Anthroposophischen Medizin in die Klinik kommen.

Ein Beispiel macht das anschaulich: Bei einer Hospitation erlebte Keller, wie eine Pflegerin eine ältere Patientin wusch – mit Rosmarinöl im Wasser. „Die Reaktion war unmittelbar. Die Dame sagte: ,Das hat so gut getan.‘ Dieses belebende Körpergefühl – das bekommst du beim normalen Waschen nicht.“

Renaissance der anthroposophischen Ärtzinnen und Ärzte

Lange Zeit war der Nachwuchs an anthroposophisch orientierten Medizinerinnen und Medizinern ein Sorgenkind. Die alten Koryphäen gingen in den Ruhestand, die jüngeren Generationen zeigten weniger Bereitschaft, ihre Freizeit für Weiterbildungen zu opfern. Doch die Filderklinik hat reagiert.

Zunächst ließ sich das Haus von der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte zertifizieren. Seitdem können Assistenzärztinnen und -ärzte ihre gesamte Weiterbildung – einschließlich der anthroposophisch-medizinischen Zusatzqualifikation – im Haus absolvieren. Dann entstand eine Arbeitsgruppe aus jungen Ärztinnen und Ärzten, die mit unterschiedlichen Formaten experimentieren.

„Jeden Dienstagmorgen um 7.30 Uhr gibt es eine Fortbildung zu einem anthroposophisch-medizinischen Thema“, erzählt Keller. „Das wird sehr gut besucht.“ Dazu kommen Hospitationen, Visiten und kurze Fortbildungseinheiten – niedrigschwellige Angebote, die sich in den Berufsalltag integrieren lassen. Mit jedem neuen Assistenten, jeder neuen Assistentin führt die Arbeitsgruppe ein Onboarding-Gespräch: Ist Interesse an integrativer Medizin vorhanden? Welche Wünsche gibt es?

Der Erfolg gibt dem Konzept recht. „Wir haben jetzt wieder viele interessierte Assistenten hier“, sagt Keller. „Es ist das Leben wieder da, das wir uns gewünscht haben.“ Er wagt sogar eine mutige Behauptung: Die Filderklinik sei das anthroposophischste Krankenhaus in Deutschland. „Niemand nimmt das Thema so ernst und zieht es so konsequent durch wie wir.“

Zuwendung als Wettbewerbsvorteil

Aber ist Anthroposophische Medizin in einer Welt zunehmender Standardisierung, Leitlinien-orientierung und Digitalisierung überhaupt noch zeitgemäß? Keller sieht darin keinen Widerspruch – im Gegenteil.

„Die Medizin wird immer technischer“, sagt er. „Und genau deswegen ist die Anthroposophische Medizin ein wunderbarer Gegenpol. Sie ist eine Zuwendungsmedizin.“ Während KI-Systeme diagnostische Hinweise liefern und Leitlinien die Behandlungspfade vorgeben, bleibe die persönliche Begegnung zwischen Therapeutin und Patient, zwischen Pflegerin und Erkranktem zentral.

Mindestens einmal pro Woche findet in jeder Abteilung eine Tafelbesprechung statt: Alle Patientinnen und Patienten werden besprochen, alle an der Behandlung beteiligten Professionen sind anwesend – manchmal 30 Menschen in einem Raum. „Diese Form von Zuwendung kriegst du nur bei uns“, sagt Keller.

Die Klinik von morgen

Und in 25 Jahren? Nikolai Keller hat eine klare Vision. Die wunderschönen Gebäude von 1975 werden als Akutkrankenhaus ausgedient haben – die Anforderungen moderner Medizin wachsen zu schnell. Doch die Filderklinik wird sich gewandelt haben: zu einem integrierten ambulant-stationären Versorgungszentrum mit hochtechnischen Anlagen und Angeboten für die täglichen Gesundheitsfragen der Menschen.

Die Entwicklung zeichnet sich schon jetzt ab: Ein medizinisches Versorgungszentrum mit zehn Praxen ist entstanden, dazu zahlreiche Spezialambulanzen. Vieles, was früher stationär behandelt wurde, geschieht heute ambulant – und dieser Trend wird sich beschleunigen. Selbst Brustkrebsoperationen, erzählt Keller, werden in England bereits weitgehend ambulant angeboten.

„Die Medizin wird patientenzentrierter sein“, ist sich der Geschäftsführer sicher. Die starren Sektorengrenzen zwischen Krankenhäusern, niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten und Pflegeeinrichtungen würden fallen.

Was bleibt, ist der Kern: eine Medizin, die technische Exzellenz mit menschlicher Zuwendung verbindet. Eine Heilkunst, die den Menschen in seiner Ganzheit ernst nimmt – körperlich, seelisch, geistig. So, wie es die Gründer vor 50 Jahren erdacht haben.

Gesundheit und Pflege

Sichtbar machen, was die Gesellschaft übersieht

Im Süden Brasiliens zeigt das Instituto Compassos, wie Inklusion gelingen kann – mit biodynamischer Landwirtschaft, Filzkunst und dem Mut, Menschen nicht auf ihre Diagnose zu reduzieren.

Daisy Buchele gehört zu jenen Menschen, die eine Sache, die sie einmal gesehen haben, nicht mehr ruhen lässt. In den 1980er Jahren verbrachte sie Zeit in einem Camphill in Schottland – und was sie dort erlebte, sollte ihr Leben verändern. Zum ersten Mal sah sie, wie junge Erwachsene mit Behinderung nicht versteckt, nicht überbehütet, nicht infantilisiert wurden, sondern Verantwortung trugen, selbst-bestimmt arbeiteten und Teil einer Gemeinschaft waren. Im Zentrum des Alltags stand die Arbeit auf dem Feld, die Verbindung zwischen Mensch und Natur. „Diese Erfahrung hat mich nicht mehr losgelassen“, erinnert sich Buchele. „Denn das war so völlig anders als das, was ich in Brasilien sah, wo Menschen mit Behinderung in ihren Häusern versteckt wurden.“

Aber ich hatte doch erlebt, wie Menschen auf dem Feld lernen, wachsen und Verantwortung übernehmen.

Daisy Buchele

Zurück in ihrer Heimat wusste sie: Ein solches Modell ließe sich in Brasilien nicht eins zu eins umsetzen – zu unterschiedlich die wirtschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen, zu wenig staatliche Unterstützung. Doch die Idee, dass Arbeit auf dem Feld therapeutisch wirken und Menschen mit Behinderung zu Protagonistinnen und Protagonisten ihres eigenen Lebens machen kann, diese Idee ließ sie nicht los. „Was ich hier in den Städten sah, waren Arbeitsangebote in Supermärkten oder Tätigkeiten, die völlig sinnentleert waren“, sagt Buchele. „Aber ich hatte doch erlebt, wie Menschen auf dem Feld lernen, wachsen und Verantwortung übernehmen.“

Eine Idee nimmt Gestalt an

Viele Jahre später trug Buchele ihre Vision einer Gruppe von Fachleuten aus Bildung und Gesundheit vor. Was als Idee begann, gewann rasch Kontur: 2016 erhielt das inzwischen gegründete Instituto Compassos ein brachliegendes Grundstück im Stadtteil Campeche in Florianópolis zur kostenlosen Nutzung. Schritt für Schritt befreiten die Mitarbeitenden das Gelände von Gestrüpp, regenerierten den Boden, legten Beete und Gewächshäuser an – alles nach den Prinzipien der biodynamischen Landwirtschaft. Mit Fördergeldern und Preisen entstand nach und nach eine einfache Infrastruktur mit Komposttoilette und Verwaltungsgebäude.

Die Bescheidenheit der Anlage ist kein Zufall. „Wir wollten zeigen, dass man für gute Arbeit keine aufwendigen Strukturen braucht“, erklärt Buchele. „Wenn andere ein ähnliches Projekt starten wollen, sollen sie sehen: Das ist machbar.“ Heute, fast zehn Jahre später, trägt diese Geduld Früchte – im wahrsten Sinne des Wortes. Das Instituto Compassos ist die einzige städtische Gärtnerei Brasiliens mit Demeter-Zertifizierung, dem Gütesiegel für biodynamisch angebaute Produkte. Jede Woche verlassen dreißig Gemüsekisten den kleinen Betrieb. Ein Team aus Menschen mit und ohne Behinderung arbeitet hier gemeinsam – und alle erhalten für ihre Arbeit ein Gehalt.

Über die Stadtgrenzen hinaus

Die Idee ist, dass das Instituto zu einer Schule wird, zu einem Multiplikator

Daisy Buchele

Der Erfolg des Projekts weckte neue Ambitionen. Denn während auf dem eigenen Gelände biodynamisch angebautes Gemüse wuchs, fehlte es in den ärmeren Vierteln der Stadt oft an Zugang zu gesunden, frisch geernteten Lebensmitteln. So entstand die Idee, die Methoden der biodynamischen Landwirtschaft dorthin zu bringen, wo sie am dringendsten gebraucht werden: in sozial benachteiligte Gemeinden. Inzwischen hat das Institut in zwei solcher Viertel Gemeinschaftsgärten angelegt. Und hier zeigt sich die Stärke des Konzepts: Die Mitarbeitenden mit Behinderung leiten die Pflanzworkshops, geben ihr Wissen weiter, erklären den Bewohnenden, wie Beete angelegt und gepflegt werden. Sechs Monate lang begleitet das Institut die Projekte intensiv, danach übernehmen die Menschen vor Ort selbst die Verantwortung – mit dem Institut als Ansprechpartner im Hintergrund.

„Die Idee ist, dass das Instituto zu einer Schule wird, zu einem Multiplikator“, sagt Buchele. „Dass wir in die Gemeinden gehen und die Gemeinden zu uns kommen und sagen: Das hier gibt es, das ist möglich!“

Jenseits der Diagnose

Für das siebenköpfige Team, das täglich mit den Mitarbeitenden mit Behinderung arbeitet, steht die Diagnose nie im Vordergrund. Tatsächlich wissen nur die Therapeutinnen und Therapeuten, welche Syndrome oder Beeinträchtigungen die einzelnen Menschen haben. „Es gab eine Zeit, da haben wir mit Menschen mit Behinderungen gearbeitet“, sagt Buchele. „Aber heute arbeiten wir einfach nur noch mit Menschen.“ Diese Haltung prägt den gesamten Ansatz des Instituts. Jeder Mensch wird in seinen Stärken gesehen, ermutigt, über sich hinauszuwachsen – unabhängig von der Diagnose. Und genau aus diesem individuellen Blick heraus entstand ein weiteres Standbein des Projekts: die Arbeit mit Filz.

Selbstbestimmtes Arbeiten steht im Mittelpunkt des Projekts

Denn nicht alle fühlten sich von der Feldarbeit angesprochen. Also entwickelte das Team in Kooperation mit der Bundesuniversität Santa Catarina ein Angebot zur Nassfilzverarbeitung, einer alten handwerklichen Technik. Aus der Schafwolle entstehen heute Decken, Kissen, Übertöpfe und Kleidungsstücke, die das Institut verkauft. Parallel dazu etabliert sich das Compassos zunehmend als kultureller Treffpunkt, als Ort des Austauschs und des Lernens für die Gemeinde. Workshops, Veranstaltungen und Begegnungen gehören inzwischen fest zum Programm.

Ein Traum für die Zukunft

Und weil fruchtbarer Boden auch fruchtbare Ideen hervorbringt, gibt es bereits neue Pläne: ein Hotelprojekt, das Arbeit und Wohnen für die Mitarbeitenden verbindet – ganz ähnlich dem Camphill-Modell, das Daisy Buchele einst in Schottland kennenlernte. „Wir arbeiten nie mit einem festen Endbild“, sagt sie. „Wir arbeiten mit Prozessen. Es ist wichtig, den ersten Schritt in eine Richtung zu gehen, aber was daraus wird, wissen wir nicht. Wenn man zu viel formatiert, trocknet man aus und es hört auf, ein lebendiger Prozess zu sein. Und genau das ist uns wichtig: lebendig zu bleiben.“

Wir arbeiten nie mit einem festen Endbild

So könnte Florianópolis schon bald um ein weiteres innovatives Inklusionsprojekt reicher sein. Eines, das nicht fragt, was Menschen mit Behinderung nicht können – sondern was möglich wird, wenn man ihnen vertraut.

Landwirtschaft und Ernährung

Von der Genbank zum Gemüsebeet: Wie eine vergessene Bohne zurück auf die Felder kommt

In Stuttgart-Möhringen wächst mehr als Gemüse: Hier bewahren engagierte Samengärtnerinnen und -gärtner ein kulinarisches Erbe, das in den Hochleistungssorten der Agrarindustrie längst verloren gegangen ist. Die Geschichte einer gelben Bohne zeigt, wie aus Leidenschaft für Vielfalt ein Projekt entsteht, das regionalen Anbau, Biodiversität und Ernährungssouveränität zusammenbringt.

Ein Schatz aus Omas Garten

Die Geschichte beginnt auf einem Naturparkmarkt, irgendwo auf der Schwäbischen Alb. Ein älterer Herr übergibt Ingo und Mechthild Hubl eine kleine Sammlung Bohnensamen – Familiensorten, die seit Generationen angebaut werden.

„Wir haben die dann sortiert, angebaut und geschaut, was daraus wird“, erzählt Ingo Hubl, während er durch den „Vielfaltsgarten“ beim Möhringer Freibad führt. Zwischen Gewächshäusern und herbstlichen Beeten wächst hier weit mehr als nur Gemüse: Es ist ein lebendiges Archiv der Kulturpflanzenvielfalt, ein „Genbänkle“, wie man in Baden-Württemberg so treffend sagt.

Sie bildet standfeste Pflanzen mit einem ordentlichen Behang an mittellangen Hülsen, die sich leicht ernten lassen

Mechthild Hubl

Eine der Bohnen aus jener Sammlung sollte sich als besonderer Glücksgriff erweisen: die Gelbe Einbohne. „Bei ersten Vermehrungen ist sie aufgefallen“, berichtet Hubl. „Sie bildet standfeste Pflanzen mit einem ordentlichen Behang an mittellangen Hülsen, die sich leicht ernten lassen.“ Noch wichtiger: Bei einer Verkostung im Botanischen Garten der Universität Tübingen überzeugte sie auf ganzer Linie – mit kurzer Kochzeit und süßlich-angenehmem Geschmack. Eigenschaften, die in Zeiten pflanzlicher Ernährung und regionaler Wertschöpfung plötzlich wieder höchst aktuell werden.

Saatgut-Autonomie als Lebensaufgabe

Für Mechthild Hubl, Agraringenieurin und die treibende Kraft hinter dem Vielfaltsgarten, ist die Arbeit mit alten Sorten mehr als ein Hobby.

Da habe ich gemerkt, das geht. Man kann Samen selbst machen.

Mechthild Hubl

„Früher hat man uns im Studium noch beigebracht, dass Samen nicht selbst gemacht werden können“, erinnert sie sich. „Das degeneriert angeblich, das baut sich ab.“ Ein Irrglaube, der Generationen von Gärtnerinnen und Gärtnern in die Abhängigkeit der Saatgutindustrie trieb. Mechthild Hubl wollte das nicht hinnehmen: „Ein wichtiger Schritt war für mich, irgendwann eine Saatgut-Autonomie zu haben“, erklärt sie die Philosophie hinter ihrer Arbeit. Ein Kurs bei der renommierten Samengärtnerei Sativa vor elf Jahren öffnete ihr die Augen: „Da habe ich gemerkt, das geht. Man kann Samen selbst machen.“

Seitdem gärtnert sie mit einer Energie und Konsequenz, die ihresgleichen sucht. Heute bewirtschaften die Hubls nicht nur den 1.600 Quadratmeter großen Gemeinschaftsgarten, sondern auch einen ein Drittel Hektar großen biozertifizierten Acker zur Saatgutvermehrung – nach den Prinzipien der Permakultur. „Uns ist das ‚bio‘ wichtig“, betont Ingo Hubl. „Für viele ist Boden einfach nur Träger. Aber es geht auch ums Bodenleben, das Mikrobiom muss funktionieren.“

Ein Netzwerk für die Vielfalt

Die Hubls sind Teil eines größeren Ganzen: des Vereins Genbänkle, eines Netzwerks von 126 Mitgliedern, das sich der Erhaltung alter Gemüsesorten in Baden-Württemberg verschrieben hat. Unter der Leitung von Professor Roman Lenz, ehemaliger Dekan der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen, hat sich der 2018 gegründete Verein zum Ziel gesetzt, Initiativen und Organisationen zu vernetzen, die sich mit alten und seltenen Gemüsesorten beschäftigen. „Wir verstehen uns als Netzwerk“, erklärt Ingo Hubl, der die Kasse des Vereins verwaltet. „Es geht darum, Sortenretter und -erhalter zusammenzubringen.“

Die Saat bestimmt, was die Menschheit isst.

Ingo Hubl



Das Konzept funktioniert: Über eine Online-Datenbank und regelmäßige Samenmärkte finden Interessierte Zugang zu regionalem, samenfestem Saatgut – Sorten, die nachbaufähig sind und nicht, wie Hybridsaatgut, nach einer Generation ihre Eigenschaften verlieren.

„Wir wollen die Leute für Industrie-Saatgut verderben“, sagt Ingo Hubl mit einem Augenzwinkern, meint es aber durchaus ernst. Denn hinter der Saatgutfrage verbirgt sich eine politische Dimension: „Die Saat bestimmt, was die Menschheit isst. Und das sind nicht unbedingt immer schöne Entwicklungen.“

Tatsächlich wird der globale Saatgutmarkt heute von drei Großkonzernen dominiert. Was sie züchten, ist optimiert für industrielle Landwirtschaft – nicht für Selbstversorgende, Hobbygärtnerinnen oder kleinbäuerliche Betriebe. „Diese Hochleistungssorten sind empfindlich wie Sportwagen“, bringt es Ingo Hubl auf den Punkt. „Die fahren auf glattem Asphalt wunderbar, aber sobald ein Schlagloch kommt, sitzen sie auf.“

Vom Hobbygarten in die Landwirtschaft

Mit der Gelben Einbohne wollen die Hubls nun den Beweis antreten, dass es anders geht. Was im kleinen Maßstab funktioniert, soll „hochskaliert“ werden – in die landwirtschaftliche Praxis. Gemeinsam mit dem Bioland-Betrieb von Till Brodbeck in Stuttgart-Sonnenberg läuft seit 2025 ein dreijähriger Versuchsanbau. „Wir haben die Bohnen hochvermehrt, bis wir etwa 14, 15 Kilo Saatgut hatten“, erzählt Ingo Hubl. „Dann haben wir mit Bauer Till abgesprochen, dass er mal den Versuch macht.“

Es geht um lokale Vermarktung und Wertschöpfung.

Das Projekt ist akribisch angelegt: Die Bohnen werden mit landwirtschaftlicher Technik gesät, gepflegt und geerntet. Dabei werden alle Parameter dokumentiert – Stundenaufwand, Maschineneinsatz, Ertrag. „Es geht darum, zu schauen, wie so was unter landwirtschaftlichen Bedingungen funktioniert“, erklärt Hubl.

Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend. Im ersten Jahr sollte der Ertrag ermittelt und die gewonnenen Erkenntnisse genutzt werden, um weitere Landwirtinnen und Landwirte für den Bohnenanbau zu gewinnen. Parallel dazu entwickeln die Beteiligten eine Aufbereitungs- und Vermarktungsstrategie. Die Vision: Die Gelbe Einbohne soll in Hofläden, Biomärkten und vielleicht sogar in Großküchen ankommen. „Im Plattsalat-Bioladen in Stuttgart-West hätten sie auch Interesse“, berichtet Hubl. „Es geht um lokale Vermarktung und Wertschöpfung.“

Die Gelbe Einbohne wird auf dem Feld „hochskaliert“

Geschmack und Geschichten

Was die Gelbe Einbohne auszeichnet, ist nicht nur ihre Anbaueignung, sondern auch ihr kulinarisches Potenzial. Bei Verkostungsaktionen – etwa im Frühjahr in Stuttgart-Möhringen, wo Mechthild Hubl einen Eintopf und Hummus aus der Bohne zubereitete – kam sie hervorragend an. „Die cremige Konsistenz von daraus hergestelltem Hummus und die kurze Garzeit sind eine Bereicherung des Bohnensortiments“, schwärmt Mechthild Hubl. „Und der Name ‚Einbohne‘ kommt daher, dass man sie einzeln sät – alle zehn Zentimeter ein Korn.“

Doch bei allem Pragmatismus geht es den Hubls und ihren Mitstreitenden im Genbänkle um mehr als nur um Erträge und Verkaufszahlen. Es geht um Geschichten, um kulturelles Erbe, um die Weitergabe von Wissen. „Wir wollen schon schauen, ob es eine Geschichte zu einer Sorte gibt“, sagt Ingo Hubl. „Ist das aus dem Ort, ist das etabliert, oder haben sie das von irgendwo mitgenommen?“ Eine Tomate, die ein Kriegsgefangener mitbrachte. Bohnen aus Siebenbürgen, die eine Messnerin der Kirchengemeinde weitergab. Sorten, deren Namen an Großmütter erinnern oder an längst verschwundene Gärtnereien.

„Jetzt ist die Zeit, wo man vielleicht noch alte Leute hat, die alte Sorten haben“, mahnt Ingo Hubl. „Fast auf jedem Samenmarkt hört man die Geschichte: Wir hätten gern eine Tomate, die so schmeckt wie bei der Oma. Und wenn man fragt, ist die Geschichte immer die gleiche: Oma macht ihre Augen zu, das Häusle wird verkauft, und dann stehen drei Reihenhäuser drauf. Das Saatgut ist weg.“

Der Anbau in größerem Maßstab soll eine Platzierung im

Lebensmittel-Einzelhandel ermöglichen

Ein politisches Statement auf dem Acker

Die Arbeit des Genbänkle ist mehr als Nostalgie oder romantische Rückbesinnung. Sie ist ein Beitrag zur Biodiversität, zur Klimaanpassung und zur Ernährungssouveränität. „Die gute Anpassung an die regionalen Gegebenheiten könnte einen einfachen, biologischen Anbau auch bei weniger Krankheitsproblemen ermöglichen“, erklärt Mechthild Hubl die agronomischen Vorteile regionaler Sorten. Anders als weitgereiste Körnerleguminosen aus China oder der Türkei ist die Gelbe Einbohne klimatisch angepasst, robust und braucht keine 20.000 Kilometer Transportweg.

„Die Wiedereinführung der Gelben Einbohne in eine regionale Wertschöpfung würde auch einen Beitrag zu Erhaltung und Förderung der genetischen Ressourcen leisten und damit der Biodiversität“, fügt sie hinzu. In Zeiten des Klimawandels und schwindender Sortenvielfalt keine Kleinigkeit. Während die industrielle Landwirtschaft auf immer weniger Hochleistungssorten setzt, schwindet die genetische Basis unserer Nahrungsmittel. Was im Sortenkatalog von 1920 noch selbstverständlich war, ist heute vielfach verschollen.

„Wenn man mal in Gönningen ins Samenhandelsmuseum geht“, erzählt Ingo Hubl, „da gibt es alte Kataloge. Das ist faszinierend, was es alles schon gab vor 100, 120 Jahren. Und was alles verloren gegangen ist.“ Das Genbänkle will gegensteuern – Sorte für Sorte, Garten für Garten, Acker für Acker.

Mut Machen zum Selbermachen

Wir wollen den Leuten Mut machen, es mit Saatgut zu probieren

Ingo Hubl

Ein weiteres Anliegen ist die Wissensvermittlung. „Wir wollen den Leuten Mut machen, es mit Saatgut zu probieren“, sagt Ingo Hubl. Viele Menschen hätten eine Hemmung davor, selbst Samen zu gewinnen – geschürt durch Schauergeschichten wie die von der „Killerzucchini“, die durch Verkreuzung giftig wurde. „Aber mit der Geschichte wird den Leuten Angst gemacht“, bedauert Hubl. „Wenn sich eine Tomate verkreuzt oder eine Bohne vermischt, passiert nichts. Die Sorte ist halt kaputt, aber nicht giftig.“ Sein Rat: „Einfach mal einen Salat schießen lassen, mal ein Radieschen wachsen lassen. Das ist keine Raketenwissenschaft. Das haben vor 50, 60, 70 Jahren alle Hausgärtner gemacht.“

Die Hubls bieten Kurse an, machen Führungen durch ihren Garten, stehen auf Samenmärkten Rede und Antwort. Ihr biozertifiziertes Saatgut richtet sich an Hausgärtnerinnen und Selbstversorger. Und sie zeigen: Was seit der Jungsteinzeit funktioniert hat – Anbau, Auswahl, Vermehrung –, das funktioniert auch heute noch.

Der Ötzi ist nicht zum Dehner gelaufen und hat drei bunte Tüten gekauft

Ingo Hubl

„Der Ötzi ist nicht zum Dehner gelaufen und hat drei bunte Tüten gekauft“, sagt Ingo Hubl mit einem Lachen. „Die haben nichts anderes gemacht: angebaut, geguckt, was ist schön, und das vermehrt.“ So entstanden über Jahrtausende angepasste, robuste Sorten. So können sie auch wieder entstehen – im Vielfaltsgarten, im Genbänkle, auf dem Acker in Sonnenberg.

Wenn im dritten Projektjahr die Gelbe Einbohne bekannt gemacht, vermarktet und dokumentiert sein wird, dann haben Ingo und Mechthild Hubl mehr erreicht als nur die Rettung einer vergessenen Sorte. Sie haben gezeigt, dass Ernährungssouveränität keine Utopie ist. Dass lokale Wertschöpfung funktioniert. Und dass in jedem Samenkorn – so unscheinbar es wirken mag – ein Stück Zukunft steckt.

Video zum Projekt:

Landwirtschaft und Ernährung

Von Furcht zu Respekt

In Brasilien verwandelt ein ungewöhnliches Imkereiprojekt nicht nur die Beziehung zwischen Mensch und Biene – es schafft auch neue Communities und erweckt uraltes Wissen zu neuem Leben.

Als das Projekt begann, hatte ich panische Angst vor Bienen.

„Als das Projekt begann, hatte ich panische Angst vor Bienen“, gesteht eine Landwirtin, die heute zu den engagiertesten Imkerinnen des Programms gehört. „Ich dachte, sie seien aggressiv und würden mich stechen. Aber als das Projekt voranschritt, lernten wir, mit ihnen zu arbeiten. Wir erkannten, dass sie Sanftmut, Fürsorge und vor allem Pflege brauchen. Was mich am meisten beeindruckte, war die Erkenntnis: Die Art, wie wir Bienen behandeln sollten, ist die Art, wie wir unser ganzes Leben lang behandelt werden möchten – mit Respekt.“

Diese Verwandlung steht exemplarisch für ein bemerkenswertes Projekt, das mittlerweile in sein viertes Jahr geht. Die Brasilianische Vereinigung für Biologisch-Dynamische Landwirtschaft hat mit Unterstützung des INSTITUTO MAHLE Dutzende von ländlichen Familien und konventionellen Imkerinnen und Imkern in nachhaltiger Bienenhaltung geschult – mit einer Methode, die ebenso alt wie revolutionär ist.

Zurück zu den Wurzeln

Im Mittelpunkt steht der Bau von Baumstamm-Bienenstöcken, einer traditionellen Technik, die ihre Wurzeln in Osteuropa, Afrika und den indigenen Gemeinschaften Brasiliens hat. Die Bienenstöcke werden auch teilweise in Varianten aus Stroh und Lehm gefertigt – dies sind Materialien, die sich in der natürlichen Umwelt der Bienen finden, im Gegensatz zu den rechteckigen Kästen der konventionellen Imkerei.

„Baumstamm-Bienenstöcke werden in der biologisch-dynamischen Imkerei intensiv erforscht, weil sie den natürlichen Lebensräumen der Bienen nachempfunden sind – normalerweise leben diese in Baumhöhlen“, erklärt Felipe Mendes, technischer Berater und Imker des Projekts. Was zunächst wie romantische Rückbesinnung klingen mag, hat handfeste praktische Gründe: Jahrelange Forschung und Feldarbeit haben gezeigt, dass Bienen in herkömmlichen rechteckigen Kästen – künstlichen Strukturen mit 90-Grad-Winkeln – bis zu 20-mal aggressiver reagieren als in Baumstamm-Behausungen.

Baumstamm-Bienenstöcke: zurück zur Natur

Baumstamm-Bienenstöcke sind die ursprünglichste Form der Bienenhaltung und ahmen die natürlichen Nistplätze wilder Bienen nach – hohle Baumstämme. Während herkömmliche Bienenkästen auf maximale Honigausbeute ausgelegt sind, stehen bei Baumstamm-Bienenstöcken das Wohlbefinden der Bienen und die natürlichen Abläufe im Volk im Vordergrund. Die Bienen können ihre Waben frei nach ihren Instinkten bauen, statt in vorgegebene Rahmen gepresst zu werden.

Eine Lösung für brasilianische Verhältnisse

Diese Erkenntnis ist besonders relevant für Brasilien, wo die Bienen durch ihre europäisch-afrikanische Kreuzung zwar krankheitsresistenter, aber auch reaktionsfreudiger sind. Für kleinbäuerliche Betriebe, bei denen Menschen und Bienenvölker oft in unmittelbarer Nachbarschaft leben, sind die natürlichen Behausungen daher ideal. Das Projekt erreicht längst mehr Adressaten als die ursprüngliche Zielgruppe. Neben Landwirtschaftsfamilien und Waldorfschulen, die an Workshops und gemeinschaftlichen Bauaktionen teilnehmen, kommen immer mehr Menschen ohne jede Vorerfahrung in der Imkerei hinzu. „Abseits von der Landwirtschaft und der Waldorf-bewegung hat es Menschen angezogen, die vorher gar nichts mit Bienenhaltung zu tun hatten und sich bei Workshops und praktischen Erfahrungen einbringen. Das ist zutiefst bereichernd.“

Mehr als Honigproduzenten

Für die Teilnehmenden sind Bienen längst mehr als nur Honiglieferanten geworden – sie werden als wesentliche Wesen verstanden, die für funktionierende Ökosysteme und die Verbindung der Menschheit mit der Natur von zentraler Bedeutung sind. Diese ganzheitliche Sichtweise entspricht dem Ansatz der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, die Höfe als lebendige Organismen begreift, in denen alle Elemente miteinander in Beziehung stehen.

Die Reichweite des Projekts war überraschend.

Felipe Mendes

Was als Bildungsprojekt begann, hat sich zu einer kleinen Bewegung entwickelt, die traditionelles Wissen mit modernen ökologischen Erkenntnissen verbindet. In einer Zeit, in der das Bienensterben weltweit für Schlagzeilen sorgt, zeigt das brasilianische Projekt einen nachhaltigen Weg auf: einen Weg des Respekts, der Achtsamkeit und der Erkenntnis, dass die Beziehung zwischen Mensch und Natur von gegenseitigem Verständnis geprägt sein kann.

Die Landwirtin, die einst vor Bienen flüchtete, bringt es auf den Punkt: Es geht nicht nur um eine andere Art der Imkerei – es geht um eine andere Art des Miteinanders.

Brazilian Biodynamic Agriculture Association:

Bildung und Erziehung

Wenn der Kuhstall zum Klassenzimmer wird

Die Rudolf-Steiner-Schule Loheland verbindet Waldorfpädagogik mit biologisch-dynamischer Landwirtschaft – und erschließt damit völlig neue Lernwelten für Kinder.

Der Morgen beginnt wie immer: Die Erstklässlerinnen und Erstklässler versammeln sich im Klassenraum, begrüßen sich und stimmen sich mit einem gemeinsamen Spruch auf den Tag ein. Doch dann passiert etwas Ungewöhnliches – statt zur Tafel zu schauen, ziehen sie ihre Gummistiefel an und gehen hinaus auf den Hof. Dort warten bereits die Kühe auf ihr Frühstück, die Ziegen müssen gemolken und die Hühner gefüttert werden. Willkommen im „Erlebnisraum Loheland“, wo seit dem vergangenen Schuljahr der Kuhstall zum Klassenzimmer geworden ist.

Tradition als Entwicklung

Loheland blickt auf eine über hundertjährige Geschichte zurück. 1919 gründeten Louise Langgaard und Hedwig von Rohden in der hessischen Rhön eine Schule für Bewegung, Gymnastik und Tanz – mit dem Anspruch einer ganzheitlichen Menschenbildung. Von Anfang an gehörte auch die biologisch-dynamische Landwirtschaft dazu, die Boden, Pflanzen und Tiere als einen lebendigen Organismus betrachtet.

Doch während die Waldorfschule und der Demeter-Hof jahrzehntelang nebeneinander existierten, fehlte die tiefere Verbindung. „Es gab zwar immer wieder Begegnungen zwischen Kindern und Tieren, aber eine echte Verantwortung konnten die Kinder in der knappen Zeit nicht übernehmen“, beschreibt Geschäftsführer Maximilian Abou El Eisch-Boes die frühere Situation.

Das sollte sich grundlegend ändern. Inspiriert vom Gründungsimpuls Lohelands, gesellschaftliche Transformation nicht nur zu denken, sondern zu leben, gingen die Verantwortlichen einen mutigen Schritt: die vollständige Integration des Hoforganismus in den Schulorganismus.

Lernen mit allen Sinnen

Das Herzstück des neuen Konzepts ist die „tier- und pflanzengestützte Handlungspädagogik“. Ein Begriff, der zunächst sperrig klingt, aber eine naheliegende und doch unkonventionelle Idee beschreibt: Kinder lernen am besten, wenn sie mit allen Sinnen dabei sind, wenn sie echte Aufgaben übernehmen und unmittelbare Erfolge erleben können.

Was dabei geschieht, ist weit mehr als Bauernhof-Romantik: Die Kinder übernehmen die komplette Tierversorgung – vom Ausmisten der Ställe über das Füttern bis hin zur Pflege der Tiere.

„Die Klassen eins bis fünf verbringen jeweils einen Tag pro Woche auf dem Hof“, erklärt Hannah von Bredow, die als Pädagogin mit landwirtschaftlicher Ausbildung das Projekt leitet. „Die ersten drei Klassen kommen vormittags für mehrere Stunden, die vierte und fünfte Klasse nachmittags.“ Was dabei geschieht, ist weit mehr als Bauernhof-Romantik: Die Kinder übernehmen die komplette Tierversorgung – vom Ausmisten der Ställe über das Füttern bis hin zur Pflege der Tiere. Zudem helfen die Kinder bei verschiedensten Aufgaben im Garten und auf dem Acker.

Der pädagogische Clou liegt im Fokus auf dem Entwicklungsstand: Erstklässlerinnen und Erstklässler beginnen spielerisch, die Erwachsenen bei den Tätigkeiten zu begleiten. „Sie erkunden ihren neuen Lebensraum und kommen langsam in Zeit und Raum an“, beschreibt von Bredow die behutsame Heranführung. Mit zunehmendem Alter übernehmen die Kinder mehr Verantwortung – bis hin zu komplexen Aufgaben wie dem Säen und Ernten von Getreide oder dem Bau von Hühnerställen.

Transformation durch Begegnung

Die Wirkung ist oft verblüffend. Hannah von Bredow erinnert sich an einen Jungen aus der ersten Klasse: „Er kam mit einer totalen ‚Keine-Lust-Haltung‘ an, wollte lieber nach Hause und zocken.“ Doch dann gab er zum ersten Mal einer Kuh Heu aus der Hand. „Die Kuh hat das genommen, und er war unglaublich fasziniert. Über das Tierfüttern ist er immer mehr ins Tun gekommen.“ Heute hilft der Junge begeistert mit und zeigt eine Entwicklung, die sich durch seine gesamte Schulzeit zieht.

Ähnlich eindrucksvoll ist die Geschichte eines Mädchens, das mit großen Ängsten in die Schule kam: „Sie hatte richtig viel Angst vor unbekannten Situationen, drückte sich immer in die Ecke und traute sich gar nichts zu“, so von Bredow. Auch vor den Tieren hatte sie anfangs große Scheu. „Aber im Laufe des Schuljahrs hat sich das verändert. Ihre Entwicklung ist nicht nur am Hof spürbar, sondern auch im normalen Unterricht.“

Diese Beobachtungen decken sich mit den Erfahrungen der Klassenlehrerinnen und -lehrer. Wenn Kinder nach einem Hoftag noch Zeit im Klassenzimmer verbringen, sind sie besonders ruhig und konzentriert – nicht müde, sondern auf eine besondere Weise ausgeglichen.

Authentisches Lernen

Was den Unterricht auf „Hof Loheland“ von herkömmlichem Unterricht unterscheidet, ist die Authentizität der Lernsituationen. Statt abstrakter Aufgaben erleben die Kinder unmittelbare Sinnzusammenhänge. Als eine dritte Klasse im Herbst Weizen säte und die Zeit nicht für das ganze Feld reichte, nutzte die Klassenlehrerin dieses Erlebnis kurzerhand für eine ganze Mathematik-Epoche: „Die Kinder haben gerechnet, wie viele Körner sie brauchen, und immer mit dem Aufhänger: ‚Frau von Bredow hat die Zeit vergessen – wie viele Körner sind es dann?‘“ Die Begeisterung der Kinder war spürbar, weil sie einen konkreten Bezug zu ihren Erlebnissen hatten.

Diese Verbindung von praktischem Tun und theoretischem Lernen entspricht einem zentralen Prinzip der Waldorfpädagogik, die von Rudolf Steiner 1919 – im selben Jahr wie Loheland – begründet wurde.

Vom Streichelzoo zum Archehof

Neben der pädagogischen Dimension verfolgt Loheland auch ein wichtiges ökologisches Ziel: die Entwicklung zu einem Demeter-Archehof. Archehöfe verstehen sich als Archen für vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen. Denn laut Welternährungsorganisation stirbt im Durchschnitt eine Rasse pro Monat aus. Das Anliegen ist also durchaus dringlich.

Wir hören nur Lob – sowohl für das Konzept als auch für die Arbeit mit den Kindern.

Bereits jetzt leben auf dem Hof Rotes Höhenvieh, Thüringer Waldziegen und verschiedene Schafrassen. Die Tiere wurden gezielt so ausgewählt und entwickelt, dass sie für die pädagogische Arbeit geeignet sind. „Bei der Kuhherde wird es noch ein paar Jahre dauern, bis sie wirklich handzahm ist“, räumt von Bredow ein. „Aber die Ziegen sind schon voll dabei – die Kinder gehen mit ihnen spazieren und machen alles mit ihnen.“

Resonanz und Wachstum

Der Erfolg des Projekts spiegelt sich in konkreten Zahlen wider: Die Schülerzahlen sind von 485 auf über 515 gestiegen. „Für meine dritte Klasse ist es der liebste Tag in der Woche“, berichtet eine Klassenlehrerin. Auch die Eltern zeigen sich begeistert: „Wir hören nur Lob – sowohl für das Konzept als auch für die Arbeit mit den Kindern“, so die Pädagogin.

Für meine dritte Klasse ist es der liebste Tag in der Woche.

Klassenlehrerin

Besonders erfreulich ist die Anerkennung durch das hessische Schulamt: Der Hoftag gilt durch seine pädagogische Ausrichtung offiziell als Sachkundeunterricht und wird entsprechend auch durch die Ersatzschulfinanzierung mitfinanziert. „Das war ein wichtiger Durchbruch“, betont Abou El Eisch-Boes. „Der Schulorganismus kann jetzt den ganzen Hoforganismus mittragen.“

Blick in die Zukunft

Die Vision geht weit über den aktuellen Stand hinaus. Geplant sind Forschungskooperationen zur wissenschaftlichen Begleitung des Projekts, ein MINT-Zentrum für die Oberstufe und die verstärkte Integration von Gesundheitsförderung und Heilpädagogik. „Wir wollen herausfinden, wie sich die tier- und pflanzengestützte Handlungspädagogik auf die Entwicklung der Kinder auswirkt“, erklärt Abou El Eisch-Boes. Erste Gespräche mit Universitäten und Forschungseinrichtungen laufen bereits.

Auch die Öffnung nach außen ist geplant: Kinder anderer Schulen sollen Projektwochen in Loheland verbringen können, Lehrerinnen und Lehrer sich fortbilden und Familien „Ferien auf dem Bauernhof“ erleben können. Ein Curriculum soll entstehen, das anderen Waldorfschulen zur Verfügung gestellt wird.

Wir wollen den Kindern wieder eine Verbindung zur Natur und zu den Grundlagen unserer Existenz geben.

Ein lebendiges Klassenzimmer

Was in Loheland geschieht, ist mehr als ein außergewöhnliches pädagogisches Konzept – es ist ein Beispiel dafür, wie Bildung aussehen kann, wenn sie den ganzen Menschen anspricht. Wenn Kinder morgens die Kühe versorgen, mittags Karotten ernten und nachmittags über ihre Erlebnisse malen und schreiben, lernen sie nicht nur Biologie und Mathematik. Sie entwickeln Verantwortungsgefühl, Selbstvertrauen und ein tiefes Verständnis für die Zusammenhänge des Lebens.

„Wir wollen den Kindern wieder eine Verbindung zur Natur und zu den Grundlagen unserer Existenz geben“, fasst Abou El Eisch-Boes das Anliegen zusammen. In einer Zeit, in der Kinder immer früher mit digitalen Medien in Kontakt kommen und der Bezug zur natürlichen Welt zu schwinden droht, zeigt Loheland einen alternativen Weg auf – einen Weg, bei dem der Kuhstall zum wertvollen Klassenzimmer wird.

Die Transformation von Loheland ist noch lange nicht abgeschlossen. Aber schon jetzt ist klar: Hier entsteht etwas Einzigartiges – ein Ort, an dem Kinder nicht nur für die Schule, sondern fürs Leben lernen. Ein Ort, an dem eine über hundertjährige Vision endlich ihre volle Kraft entfalten kann.



Bildung und Erziehung

Waldorf für Alle

In Brasilien wächst die Waldorfbewegung rasant – doch lange blieb die anthroposophische Ausbildung ein Privileg der Elite. Seit 18 Jahren demokratisiert der „Fundo de Bolsas“ den Zugang zur Waldorfpädagogik und therapeutischen Anthroposophie. Das INSTITUTO MAHLE unterstützt das Stipendienprogramm, das bereits über 1.000 Lehrkräften, Therapeutinnen und Therapeuten eine qualifizierte Ausbildung ermöglicht hat.

Fast sieben Jahrzehnte sind vergangen, seit die Anthroposophie in Brasilien Fuß gefasst hat. Keines der anthroposophischen Praxisfelder hat sich seitdem so dynamisch entwickelt wie die Waldorfpädagogik: Mittlerweile gibt es 267 Waldorfschulen in 23 Bundesstaaten, die mehr als 21.000 Schülerinnen und Schüler sowie 2.500 Lehrkräfte vereinen. Auch die Anthroposophische Heilpädagogik und -therapie expandieren stetig – 13 Einrichtungen in sieben Städten widmen sich der Förderung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Beeinträchtigungen.

Die Grafik zur Entwicklung der Schulzahlen erzählt eine beeindruckende Erfolgsgeschichte: von einer einzigen Schule im Jahr 1956 über kontinuierliches Wachstum in den 1980er- und 1990er-Jahren bis hin zu einem regelrechten Boom in den 2000er-Jahren. Selbst die Corona-Pandemie konnte diese Aufwärtsbewegung nur kurzzeitig bremsen. Doch hinter den nüchternen Zahlen verbirgt sich eine soziale Realität, die lange Zeit problematisch war: Der Zugang zu anthroposophischen Bildungs- und Therapieangeboten blieb jahrzehntelang auf die brasilianische Oberschicht beschränkt.

Die Unterstützung der Ausbildung bedeutet eine Anerkennung des Rechts auf Zugang zur Waldorfpädagogik. Das heißt, dass auch Menschen mit geringen finanziellen Ressourcen die Lehren Rudolf Steiners als Weg für ihre spirituelle Entwicklung wählen können.

Seminarteilnehmerin

Eine Pionierin durchbricht die Grenzen

Denn bis in die jüngere Vergangenheit waren anthroposophische Angebote in Brasilien nahezu ausschließlich über private Institutionen zugänglich – und damit nur denjenigen vorbehalten, die über entsprechende finanzielle Mittel verfügten.

Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet die „Associação Comunitária Monte Azul“, die die deutsche Pädagogin Ute Craemer 1979 in einer Favela am Stadtrand von São Paulo gründete. In einer Zeit, als anthroposophische Angebote fest in den Händen privilegierter Kreise lagen, schuf Craemer einen Ort, an dem Menschen in prekären Lebenssituationen Zugang zu Waldorfpädagogik, Anthroposophischer Medizin und künstlerischen Therapien erhielten.

Monte Azul wurde zur Keimzelle einer neuen Bewegung. Craemers Vision, anthroposophische Impulse mit sozialem Engagement zu verbinden, inspirierte zahlreiche Initiativen, die in den folgenden Jahrzehnten entstehen sollten. Die Organisation entwickelte sich zu einem lebendigen Beispiel dafür, dass die Ideen Rudolf Steiners nicht nur für eine Elite, sondern für alle gesellschaftlichen Schichten relevant und zugänglich sein können.

Die Ausbildungsfrage wird drängend

Mit dem rasanten Wachstum der Waldorfschulen und heilpädagogischen Einrichtungen in den 2000er-Jahren entstand ein Problem: Der Bedarf an qualifizierten Pädagoginnen und Therapeuten stieg dramatisch, doch die Kosten für eine anthroposophische Ausbildung blieben für viele Menschen unerschwinglich. Gerade diejenigen, die in sozialen Projekten, öffentlichen Schulen oder Gemeinden mit niedrigem Einkommen arbeiten wollten, scheiterten an der Finanzierungshürde.

Aus dieser Notwendigkeit heraus entstand 2008 der „Fundo de Bolsas“ (Stipendienfonds) – ein kollektives Projekt zur finanziellen Unterstützung anthroposophischer Ausbildungen. Die Grundidee war so einfach wie wirkungsvoll: Ein Netzwerk anthroposophischer Institutionen und Förderer sollte gemeinsam dafür sorgen, dass Ausbildungsplätze nicht vom Kontostand der Interessierten abhängen.

Seit seiner Gründung hat der Fonds mehr als 1.000 Menschen aus verschiedenen Regionen Brasiliens Zugang zu einem der 28 anthroposophischen Kurse ermöglicht, die zum Curriculum von Waldorfschulen und heilpädagogischen Einrichtungen gehören. Die Bandbreite reicht von Grundausbildungen in Waldorfpädagogik über kunsttherapeutische Spezialisierungen bis hin zu Weiterbildungen in Heilpädagogik und Sozialtherapie.

Das INSTITUTO MAHLE übernimmt Verantwortung

Zwei Jahre nach der Gründung des Stipendienfonds trat 2010 das INSTITUTO MAHLE der Gruppe der Unterstützenden bei. Die Entscheidung wurzelte in der Überzeugung, dass hochwertige anthroposophische Bildung unabhängig von der finanziellen Situation zugänglich sein sollte. Heute ist das INSTITUTO MAHLE die einzige nicht-anthroposophische Institution, die nicht nur den „Fundo de Bolsas“, sondern anthroposophische Projekte in Brasilien überhaupt fördert.

Transformation auf allen Ebenen

Die Stimmen der Geförderten sprechen für sich. „Die Unterstützung der Ausbildung bedeutet eine Anerkennung des Rechts auf Zugang zur Waldorfpädagogik“, beschreibt eine Teilnehmerin des Waldorf-Ausbildungsseminars am Centro de Formação Intamorés. „Das heißt, dass auch Menschen mit geringen finanziellen Ressourcen die Lehren Rudolf Steiners als Weg für ihre spirituelle Entwicklung wählen können.“

Für viele Geförderte geht es um weit mehr als berufliche Qualifikation. „Die Ausbildung ist eine wahre Reise der Verwandlung – persönlich, künstlerisch und pädagogisch“, berichtet eine Studentin der Postgraduierten-Ausbildung im Fach Kunst in der Waldorfpädagogik an der Faculdade Rudolf Steiner. Eine andere Teilnehmerin des Grundschullehrerinnen-Programms formuliert es so: „Mit jeder Etappe erschließe ich mir Wissen, das meine Weltsicht verändert und meine Arbeit als Pädagogin stärkt. Ich habe die Hoffnung, dass noch mehr Menschen solch kraftvolle Ausbildungswege erleben können.“

Ein Modell mit Zukunft

Der „Fundo de Bolsas“ hat in 18 Jahren bewiesen, dass anthroposophische Bildung kein Luxusgut sein muss.

In einem Land mit enormen sozialen Unterschieden wie Brasilien ist diese Arbeit von besonderer Bedeutung. Der Stipendienfonds ermöglicht es, dass qualifizierte Waldorflehrerinnen und Therapeuten genau dort wirken können, wo sie am dringendsten gebraucht werden: in benachteiligten Stadtvierteln, in ländlichen Regionen, in öffentlichen Bildungseinrichtungen und sozialen Projekten.

Das Engagement des INSTITUTO MAHLE sichert nicht nur die Fortführung des Programms, sondern sendet auch ein wichtiges Signal: Anthroposophische Bildung verdient gesellschaftliche Unterstützung über die anthroposophische Bewegung hinaus. Sie ist ein Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit und zur Verbesserung der Lebensbedingungen in einem der bevölkerungsreichsten Länder der Welt.





Bildung und Erziehung

Wenn der Hörsaal in die Favela kommt

Brasilien kämpft mit extremer sozialer Ungleichheit – und die Zivilgesellschaft antwortet mit Projekten in den Armenvierteln. Doch die Sozialarbeiterinnen und -arbeiter dort hatten bisher kaum Zugang zu akademischer Bildung. Ein innovativer Postgraduiertenstudiengang will das ändern – mit einem solidarischen Finanzierungsmodell und dem Mut, Theorie und Praxis auf Augenhöhe zu bringen.

Brasilien ist ein Land der Widersprüche. Die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt beherbergt die größte biologische Vielfalt des Planeten und eine kulturelle Fülle, die aus der Begegnung unzähliger Völker erwachsen ist. Doch hinter dieser Fassade verbirgt sich auch eine bittere Realität: Der größte Teil der Bevölkerung hat keinen Zugang zu grundlegenden Lebensbedingungen – Gesundheit, Bildung, Fürsorge. Die Vereinten Nationen führen Brasilien auf Platz sechs im weltweiten Ranking der sozialen Ungleichheit. Manche Erhebungen attestieren dem Land sogar die schlimmste Ungleichheit überhaupt.

Doch wo der Staat versagt, greift die Zivilgesellschaft ein. Seit Mitte der 1990er-Jahre entstanden überall im Land – vor allem in den Favelas der Großstädte – soziale Projekte, die sich um das kümmern, was staatliche Institutionen nicht leisten können oder wollen. Heute gibt es etwa 880.000 registrierte zivilgesellschaftliche Organisationen in Brasilien; die Zahl nicht registrierter dürfte noch weit höher liegen.

Die unsichtbaren Stützen der Gesellschaft

Dieser Studiengang ist in vielerlei Hinsicht innovativ

Cristina Velásquez,

An vorderster Front dieser Bewegung stehen die Sozialarbeitenden – Menschen, die Lehrkräfte, Psychologinnen und Psychologen und Seelsorgende in einer Person sind. Oft sind sie die einzige Stütze für jene, die in Armut leben. Viele von ihnen stammen selbst aus den Gemeinden, in denen sie arbeiten. Sie haben gelernt, Sozialarbeitende zu sein, indem sie es einfach taten: aus Lebenserfahrung, aus dem täglichen Miteinander, aus dem tiefen Verständnis für die Realität vor Ort. Nur wenige hatten je die Möglichkeit, eine formale Ausbildung zu absolvieren, die ihnen hilft, mit den komplexen Herausforderungen umzugehen, denen sie Tag für Tag begegnen.

Genau hier setzt ein außergewöhnliches Bildungsprojekt an: 2024 startete die Rudolf-Steiner-Fakultät – die einzige anthroposophische Hochschule Lateinamerikas – in Partnerschaft mit der Associação Comunitária Monte Azul einen Postgraduiertenstudiengang in Gemeindebildung. Monte Azul arbeitet seit 1979 in den Favelas von São Paulo und entwickelte mit dem Projekt „Mainumby“ über zehn Jahre hinweg ein Konzept, das nun zur Grundlage des Studiengangs wurde. Ziel ist es, die Teilnehmenden zu befähigen, als Akteure des sozialen Wandels zu wirken – auf Basis der Anthroposophie, die den Menschen als ganzheitliches Wesen begreift.

„Dieser Studiengang ist in vielerlei Hinsicht innovativ“, erklärt Cristina Velásquez, Direktorin der Rudolf-Steiner-Fakultät. „Im Format mit intensiven Blockveranstaltungen, in der Partnerschaft zwischen einer Hochschule und einem sozialen Projekt, in der Art, wie wir die finanzielle Tragfähigkeit gesichert haben, und im Dialog zwischen der Anthroposophie und brasilianischen Pädagogen wie Paulo Freire.“

Paulo Freire – das ist jener brasilianische Bildungstheoretiker, der mit seinem Konzept der „Pädagogik der Unterdrückten“ weltweit bekannt wurde. Freire, der selbst aus armen Verhältnissen stammte, entwickelte in den 1960er-Jahren eine Methode, die Bildung als Akt der Befreiung begreift. Lernen sollte nicht bedeuten, Wissen „einzutrichtern“, sondern es sollte kritisches Bewusstsein wecken und Menschen befähigen, ihre eigene Realität zu verstehen und zu verändern. Dass dieser emanzipatorische Ansatz nun im Studiengang mit anthroposophischen Prinzipien in Dialog tritt, ist programmatisch.

Wenn Geld keine Hürde sein darf

Eine der größten Herausforderungen bei der Entwicklung des Studiengangs war die Finanzierung. Fast alle interessierten Studierenden verdienen weit weniger, als sie zum Leben bräuchten – die vollen Kosten eines Postgraduiertenstudiums hätten sie niemals stemmen können. Mit Unterstützung des INSTITUTO MAHLE gelang ein ungewöhnliches Experiment: solidarische Finanzierung.

Das Prinzip ist so einfach wie radikal. Allen Studierenden wurden die tatsächlichen Kosten des Programms offengelegt, ebenso die bereits gesicherte Förderung. Der verbleibende Betrag musste von den Teilnehmenden selbst aufgebracht werden – aber jede und jeder entschied individuell, was er oder sie monatlich beitragen konnte. Ohne Nachweise, ohne Bewertung, ohne Kontrolle. Die Beiträge reichten von 50 bis 500 brasilianischen Real pro Monat – umgerechnet etwa 8,50 bis 85 Euro, wobei selbst der niedrigste Betrag für viele Teilnehmende eine erhebliche finanzielle Belastung darstellt. Zusammengerechnet ergab sich am Ende die benötigte Summe.

Dieses Modell der „wirtschaftlichen Brüderlichkeit“ wird in Brasilien inzwischen von mehreren anthroposophischen Einrichtungen praktiziert – mit Erfolg. Es ermöglicht, anthroposophisches Wissen Menschen und Orten zugänglich zu machen, die bisher keinen Zugang dazu hatten.

Die Associação Comunitária Monte Azul

Die Monte Azul wurde 1979 gegründet und arbeitet seither in mehreren Favelas von São Paulo. Die Organisation betreibt Kindergärten, Schulen, Gesundheitszentren und Kulturprojekte – alles auf Grundlage anthroposophischer Prinzipien. Monte Azul gilt als Pionierin der sozialen Arbeit in brasilianischen Armenvierteln und hat über die Jahrzehnte Tausende von Kindern und Familien begleitet.

Wenn Theorie und Praxis sich die Hand reichen

Die Fakultät war sich bewusst: Wer auch Menschen erreichen will, die zum ersten Mal eine Hochschule betreten, muss nicht nur ein theoretisches Fundament bieten, sondern auch das praktische Wissen dieser Menschen würdigen. Viele der Studierenden bringen jahrzehntelange Erfahrung mit – und diese sollte nicht als defizitär gelten, sondern als gleichwertig anerkannt werden. „Unser Ansatz ist es, die Praxis dieser Sozialarbeitenden wertzuschätzen und von dem auszugehen, was sie mitbringen“, erklärt eine Koordinatorin des Programms. „Von dort aus treten wir in den Dialog mit zeitgenössischen Themen und analysieren Kontexte.“

Ein wesentlicher Bestandteil des Curriculums ist daher die Geschichte Brasiliens – die Entstehung des Volkes, die Wurzeln der sozialen Probleme, denen die Menschen täglich in ihren Gemeinden begegnen. Besonders bedeutsam: Der hohe Anteil von People of Colour und indigener Studierender im Programm ist ein beachtlicher Fortschritt gegen die historische Ausgrenzung dieser Gruppen im Hochschulwesen. Für sie bedeutet der Abschluss weit mehr als ein akademischer Titel – er ist eine Errungenschaft, ein Stück Gerechtigkeit.

Ein Kolibri nimmt Fahrt auf

Der Studiengang trägt den Namen Mainumby – in der indigenen Guaraní-Sprache bedeutet das „Kolibri“. Der kleine Vogel gilt den Guaraní als heilig, als Symbol für Beharrlichkeit und Hoffnung. Wie der Kolibri, der unermüdlich von Blüte zu Blüte fliegt, sollen die Absolventinnen und Absolventen des Programms Wissen und Impulse in ihre Gemeinden tragen.

Ende 2025 hat die erste Kohorte ihren Abschluss gemacht. Was sie hinterlässt, ist bereits jetzt spürbar: bei den Studierenden selbst, bei den Dozierenden, bei den beteiligten Institutionen. Das Koordinationsteam arbeitet bereits daran, das Format weiterzuentwickeln und auf andere Regionen Brasiliens auszuweiten. Denn eines hat das Projekt eindrucksvoll bewiesen: Wenn Erfahrung auf Wissen trifft, wenn Theorie und Praxis sich auf Augenhöhe begegnen, entsteht etwas Neues – etwas Lebendiges. Genau das braucht eine Gesellschaft wie die brasilianische.



Bildung und Erziehung

Wo die Erde wieder atmen lernt

Inmitten der Granitlandschaft Simbabwes bringt das Kufunda Village biologisch-dynamische Landwirtschaft der örtlichen Gemeinschaft nahe – und erschafft dabei ein Netzwerk des Wissens, das über die Grenzen einer einzelnen Farm hinausreicht und etwas ganz Neues wagt.

Wenn Maaianne Knuth über das Land spricht, leuchten ihre Augen. „Die Erde hat ihre eigene Weisheit“, sagt die Gründerin des Kufunda Village, während sie eine Handvoll dunkler, krümeliger Erde zwischen den Fingern zerreibt. „Wir müssen nur lernen, ihr zuzuhören.“ Was vor mehr als zwei Jahrzehnten als Experiment begann, ist heute zu einem lebendigen Beispiel dafür geworden, wie biologisch-dynamische Landwirtschaft nicht nur Böden heilen, sondern auch den Menschen vor Ort helfen und die Lebensbedingungen verbessern kann

Eine Farm wird zum Lernraum

25 Kilometer außerhalb von Harare, der Hauptstadt Simbabwes, liegt das Kufunda Village auf 50 Hektar hügeliger Landschaft. Was hier entsteht, geht weit über Landwirtschaft hinaus – es ist ein lebendiges Labor für nachhaltige Entwicklung. Seit 2019 setzt das Kufunda Village konsequent auf biologisch-dynamische Methoden und hat sich dabei zu einem ganzheitlichen Projekt entwickelt, das traditionelles afrikanisches Wissen mit den Prinzipien des biologisch-dynamischen Anbaus verbindet.

Im April 2025 reisten 34 simbabwische Landwirtinnen und Landwirte für fünf Tage zum Learning Festival nach Kufunda, das für sie ein spezielles Modul für die kollaborative Landwirtschaft bereithielt. „Wir hatten entschieden, die Menschen hierher zu bringen, damit sie von dem lernen können, was bereits etabliert ist“, erklärt Knuth den Ansatz. „Und um das Netzwerk von Menschen zu stärken, die mit Bäuerinnen und Bauern vor Ort in ihren Gemeinden arbeiten.“

Am Vormittag lernten die insgesamt fast 100 Teilnehmenden der Konferenz, inspiriert von der Anthroposophie, etwas über partizipative und soziale Gemeinschaftsbildung.

Die Teilnehmenden des Landwirtschaftsmoduls arbeiteten jeden Nachmittag am Thema Bodenverbesserung – doch statt trockener Theorie erlebten sie ganz praktisch, welche Wirkung biologisch-dynamische Präparate entfalten können. Mit einfachen Tests verglichen sie Proben von unbehandeltem Boden und von Böden, die unterschiedlich behandelt wurden. Ein Boden wurde mit Kompost, einer mit Hornmistpräparat 500 und einer mit dem Fladenpräparat CPP gedüngt. „Das gab ihnen – und sogar uns – ein solches Gespür für die Wirksamkeit dieser Arbeit“, steht im Bericht des Projektteams.

Die Landwirte waren zutiefst inspiriert von ihrer eigenen Fähigkeit, von der Erde zu lernen.

Maaianne Knuth

Die Bäuerinnen und Bauern lernten, Kompostpräparate herzustellen, Bodenleben zu beobachten und die Vitalität der Erde durch Beobachtung zu bewerten. „Die Landwirte waren zutiefst inspiriert von ihrer eigenen Fähigkeit, von der Erde zu lernen“, fasst Knuth die Erfahrung zusammen.

Ein Netzwerk wächst dank digitalem Austausch

Das einwöchige Seminar stärkte das lokale Netzwerk von Landwirtinnen und Landwirten, die sich dafür engagieren, den Einstieg in die biodynamische Landwirtschaft zu erlernen. Eine äußerst aktive WhatsApp-Gruppe verbindet heute Bäuerinnen und Bauern aus ganz Simbabwe, teilt wöchentlich den biologisch-dynamischen Pflanzkalender und wird zu einem aktiven Raum des Austauschs. Fotos, Fragen und Beobachtungen aus verschiedenen Regionen schaffen einen digitalen Lernraum, der die Grenzen der physischen Entfernung überwindet.

Von den 34 Teilnehmenden sind acht aktiv dabei, lokale Gruppen in ihren Gemeinden aufzubauen. In regelmäßigen örtlichen Nachfolgetreffen wird das Verständnis von Bodengesundheit vertieft und traditionelles Wissen über Schädlingskontrolle, Düngesysteme und Mischkulturen erkundet.

Grundlagen für das Wachstum schaffen

Die Unterstützung der MAHLE-STIFTUNG für Kufunda reicht weit über die aktuelle biologisch-dynamische Initiative hinaus. Seit 2019 ist die Stiftung ein verlässlicher Partner in der Entwicklung des Dorfes und unterstützte den Bau von Schulgebäuden sowie 2020 den Schülertransport. Diese kontinuierliche Partnerschaft spiegelt einen ganzheitlichen Ansatz zur Gemeinschaftsentwicklung wider, der anerkennt, wie Bildung, Infrastruktur und landwirtschaftliche Innovation ineinandergreifen.

Heute trägt diese Zusammenarbeit Früchte. Tropfbewässerungssysteme versorgen nun den Agroforst und den Garten, während 2025 mit Unterstützung des Projekts „Make It Grow“ ein neues Gewächshaus errichtet wurde. Die Investitionen der Stiftung in die Bewässerungsinfrastruktur und die Ausbildung der Landwirte haben diesen Ort zu einem Zentrum für Lernen und Anbau gemacht – einem Ort, an dem Wissen und praktische Fähigkeiten gemeinsam gedeihen können.

Lernen von den Pionieren

Wir sind überglücklich, endlich eigene Rinder als Teil unseres landwirt-schaftlichen Betriebs zu haben.

Maaianne Knuth

Die Lernreise führte das Kufunda-Team auch zum Africa Centre for Holistic Management (ACHM) in Victoria Falls, wo Allan Savorys wegweisende Erkenntnisse im nachhaltigen Landmanagement umgesetzt werden. ACHM demonstriert, wie Viehwirtschaft zur Wiederherstellung von Land, Wasser und einer Population von Wildtieren eingesetzt werden kann. „Vor Jahren haben wir mit großem Erfolg erste Versuche unternommen, aber es war schwer, ohne eine eigene Herde fortzufahren“, reflektiert Knuth.

Ein besonderer Meilenstein, der dank der Unterstützung der MAHLE-STIFTUNG erreicht werden konnte, war der Kauf von fünf Rindern vor Ort. „Wir sind überglücklich, endlich eigene Rinder als Teil unseres landwirtschaftlichen Betriebs zu haben“, berichtet das Team. Das Team hat gerade die Einrichtung eines traditionellen Boma-Zauns für ganzheitliches Weidemanagement abgeschlossen – dabei werden auch die Kühe der Nachbarn mit einbezogen, was Teil der Zusammenarbeit im Bereich ganzheitliches Weidemanagement ist. Ein Swiss-Brown-Bulle wird die genetische Vielfalt der regionalen Herde verbessern und gleichzeitig die Milchqualität steigern.

Herausforderungen als Lehrmeister

Nicht alles verlief nach Plan – und genau das wurde zu einer wertvollen Lektion. Das ursprünglich geplante Gemüse-Abo erwies sich als schwieriger umsetzbar als gedacht: Viele Menschen taten sich schwer mit dem Gedanken, Mitglied bei der solidarischen Landwirtschaft zu werden, und wollten nur gelegentlich bestellen. Manchmal blieben so zu viele Erzeugnisse unverkauft, zu anderen Zeiten war die Nachfrage sowohl in den lokalen wie auch den städtischen Märkten groß.

Die Lösung war ein Perspektivwechsel: Kufunda konzentriert sich nun darauf, zunächst die eigene Gemeinschaft und die umgebenden Familien zu versorgen. Überschüsse gehen an städtische Kunden, die ermutigt werden, Mitglieder der Farm zu werden und gelegentlich zu Besuch zu kommen. „Das entspricht viel mehr dem, was wir hier aufbauen wollen“, sagt Knuth.

Ein lebendiges Netzwerk entsteht

Wenn Bäuerinnen und Bauern anfangen, mit Neugier zu beobachten und für gemeinsames Lernen und Reflexion zusammenzukommen, vertieft sich ihre Praxis ganz natürlich.

Der Erfolg lässt sich in Zahlen fassen: Die Bodenqualität hat sich spürbar verbessert und ein aktives und wachsendes Netzwerk von über 70 Landwirtinnen und Landwirten teilt Wissen und Erfahrungen. Doch die eigentliche Transformation liegt tiefer. „Wenn Bäuerinnen und Bauern anfangen, mit Neugier zu beobachten und für gemeinsames Lernen und Reflexion zusammenzukommen, vertieft sich ihre Praxis ganz natürlich“, fasst das Projektteam zusammen.

Partnerschaften mit Initiativen wie der Soft Foot Alliance in Hwange, dem PORET Trust in Chimanimani und Integral Kumusha in Buhera werden gepflegt. Durch die Zusammenarbeit mit diesen sehr aktiven Organisationen kann die Arbeit nachhaltiger wachsen, als wenn Kufunda die gesamte Verantwortung für diese Impulse allein trüge.

Blick in die Zukunft

„Dieses Jahr hat uns in eine konsistentere und intensivere Beziehung zu Landwirtinnen und Landwirten gebracht und unseren eigenen Hoforganismus gestärkt, von dem andere lernen können“, resümiert Knuth dankbar. Die nächsten Schritte sind bereits skizziert: der Ausbau der Begrasung für benachbarte Herden, die Erweiterung des Anbaus von Präparate-Pflanzen, Gemüse und lokalem Getreide und die Neustrukturierung der Kundenbeziehungen.

Was in Kufunda geschieht, ist mehr als nur ein landwirtschaftliches Projekt – es ist ein lebendiger Beweis dafür, dass nachhaltige Entwicklung von innen heraus wachsen muss, verwurzelt in lokalem Wissen und getragen von einer Gemeinschaft, die bereit ist, voneinander zu lernen. In einer Zeit globaler Herausforderungen zeigt das kleine Dorf in den simbabwischen Hügeln einen Weg auf, wie die Erde wieder atmen lernen kann – und mit ihr die Menschen, die sie bewirtschaften.

Bildung und Erziehung

Ankommen dürfen

Deutschland ist seit 2015 vermehrt Ankunftsland für Hunderttausende Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und Not geflohen sind. Dass Integration mehr ist als ein Sprachkurs und ein Behördengang, wissen viele – aber wie geht das in der Praxis? Die Freie Waldorfschule Kassel zeigt seit einem Jahrzehnt, dass Schule ein echter Schutz- und Entwicklungsraum sein kann, wenn man es richtig angeht. Ein Besuch bei einem Projekt, das mit Hartnäckigkeit, waldorfpädagogischer Flexibilität und dem unbedingten Glauben an das Individuum begann – und bis heute Wirkung zeigt.

Es war keine Konferenz, kein Ministerialerlass und kein strategischer Beschluss, der den Anstoß gab. Es war eine Elftklässlerin aus Kassel. Sie hatte ihr Sozialpraktikum in einem Flüchtlingswohnheim im 40 Kilometer entfernten Wolfhagen absolviert und kam zurück mit einer schlichten Beobachtung: „Die Jugendlichen dort brauchen Schule.“ Diese Schülerin wandte sich an Johannes Hüttich, Mathematiklehrer in der Oberstufe und einer der engagiertesten Köpfe der Freien Waldorfschule Kassel. Hüttich hörte zu.

Der Rest ist Schulgeschichte – jedenfalls in Kassel. Im Schuljahr 2015/16, zeitgleich mit der großen Fluchtbewegung nach Europa, richtete die Freie Waldorfschule eine erste internationale Klasse ein.

Sie war damit, neben der Rudolf-Steiner-Schule in Berlin-Dahlem, eine der ersten Waldorfschulen überhaupt, die diesen Schritt wagten. Zehn Jahre später ist das Projekt noch immer lebendig – und hat sich weiterentwickelt.

Die Plattformschule: Flexibilität als Prinzip

Was die Kasseler Lösung von vielen anderen Ansätzen unterscheidet, ist ihr architektonisches Grundprinzip: die sogenannte Plattformschule. Das Konzept ist so einfach wie klug. Anstatt geflüchtete Schülerinnen und Schüler sofort in bestehende Regelklassen zu integrieren – oder sie dauerhaft in Sonderklassen zu isolieren, bietet die Schule ein bewegliches Gefüge aus verschiedenen Lernorten und Lernformen an. „Auf einer Plattform kann man die Schülerinnen und Schüler je nach Bedarf verschieben“, erklärt Johannes Hüttich. „In anderen Schulsystemen müssen sie sofort den Schulbetrieb verlassen, wenn etwas nicht klappt. Bei uns nicht.“

Diese Plattform umfasst drei Säulen: die intensive Beschulung in der sogenannten 10i, einer eigens eingerichteten internationalen Klasse auf dem Niveau der 9./10. Klassenstufe; die schrittweise Integration in Stammklassen für diejenigen, die das schulisch bewältigen können; und die berufliche Ausbildung in den vier Werkstätten des angegliederten Dualwerks – Metall, Holz, Schneiderei und Elektro. Dazwischen gibt es alle denkbaren Übergänge: Wer in der Werkstatt beginnt und später Potenzial für einen Schulabschluss zeigt, kann auf die schulische Schiene wechseln. Wer den Sprung in die Stammklasse nicht schafft, kann zurück in die Werkstatt und dort wieder arbeiten. „Wir haben die Berufsschule indoor“, sagt Hüttich – und meint damit, dass die Lernenden nie ganz die Schule verlassen müssen, auch wenn sich ihr Schwerpunkt verlagert.

Schutzraum Schule: was Ankommen braucht

Wer aus Syrien, Afghanistan, der Ukraine oder Somalia nach Deutschland kommt und einer Schule gegenübersteht, bringt nicht nur einen Rucksack voller fremder Bildungserfahrungen mit – sondern oft auch Schlaflosigkeit, Angst, traumatische Erinnerungen und den Druck, möglichst schnell Geld für die Familie in der alten Heimat zu verdienen. „Stets präsent ist das Fremdsein, vordringlich die Angst“, beschreibt es der Erfahrungsbericht der Schule. „Werde ich hier ankommen? Darf ich bleiben? Genüge ich den Anforderungen? Finde ich Freunde?“

Die Kasseler Waldorfschule hat darauf eine klare pädagogische Antwort entwickelt: Sie nennt es „Schutzraum Schule“. Gemeint ist nicht nur ein schützendes Gebäude, sondern eine Haltung – die Gewissheit, dass man hier Zeit hat, anzukommen. „Die Jugendlichen brauchen immer etwa ein Dreivierteljahr, um Vertrauen zu finden.“ Dieser Zeitraum muss einfach eingerechnet werden. Zu den Mitarbeitenden in der Schulküche, die für allein reisende Jugendliche oft die einzige warme Mahlzeit am Tag bedeutet, gehören auch Rashid, ein algerischstämmiger Mitarbeiter, der auf Arabisch mit Schülerinnen und Schülern sowie Eltern sprechen kann, sowie Sozialpädagoginnen und -pädagogen, FSJlerinnen und FSJler sowie Bundesfreiwilligendienstleistende, die das Team der Lehrerinnen und Lehrer ergänzen. Ohne den Schulterschluss im Team um Frau Gädeke-Mothes, Olga Solomenko-Zech, Pejman Behin und Johannes Hüttich wäre die Konstanz des Projektes nicht möglich.

Die Jugendlichen brauchen immer etwa ein Dreivierteljahr, um Vertrauen zu finden.

Besonders die Frage der Elternarbeit stellte das Kasseler Team vor eine grundlegende Herausforderung. Die Waldorfschule baut traditionell auf drei Säulen: Lehrkräfte, Eltern, Lernende. „Das war wirklich ganz am Anfang eine sehr wichtige Frage: Schaffen wir das, wo kein Elternwille dahintersteht und keine Eltern existieren?“ Viele der geflüchteten Jugendlichen waren allein reisend, ihre Familien in den Heimatländern geblieben, oder sie waren auf der Fluchtroute getrennt worden. Die Antwort, die sich im Laufe der Jahre herauskristallisierte: Ein engagiertes, stabiles Kernteam, mit Unterstützung der Betreuerinnen und Betreuer auf Seite der Jugendhilfe/Jugendämter kann die Elternfunktion in weiten Teilen übernehmen – vorausgesetzt, alle ziehen mit. „Wir können es nur machen, weil wir keine Einzelkämpfer sind, sondern ein Team.“

Zehn Jahre, 180 Abschlüsse, 40 Gesellenbriefe

Die Zahlen sprechen für sich: Seit der Eröffnung der ersten internationalen Klasse hat die Freie Waldorfschule Kassel zusammen mit dem angegliederten Dualwerk 210 junge Geflüchtete aufgenommen – aus Afghanistan, Algerien, Eritrea, Somalia, Syrien, der Ukraine und weiteren Ländern. 180 mittlere Schulabschlüsse sowie zehn Abitur- und Fachhochschulabschlüsse konnten bis 2025 vergeben werden, dazu 40 Gesellenbriefe in den Gewerken Holz, Metall, Schneiderei und Elektro. Etwa 85 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben den Anschluss an das deutsche Schul- und Ausbildungswesen gefunden. Im laufenden Schuljahr 2025/26 besuchen 49 junge Menschen aus sieben Nationen verschiedene Klassen und Werkstätten der Schule.

Hinter diesen Zahlen stehen individuelle Geschichten: Fünf Schülerinnen und Schüler des Abschlussjahrgangs 2025/26 haben einen qualifizierenden Mittelschulabschluss erreicht und wechselten in die 11. Klasse oder an Fachoberschulen. Zwei begannen eine Ausbildung in der Elektrowerkstatt. Ukrainische Jugendliche, die vor drei Jahren mitten im Schuljahr ankamen, stehen jetzt vor dem Übergang in die 12. Klassen. Schülerinnen befinden sich in Ausbildungen in den Werkstätten. Drei bereiten sich auf das Abitur vor. Für jeden dieser Werdegänge hat die Plattformschule individuell eine Lösung gefunden.

Individuation statt Integration: der waldorfpädagogische Ansatz

Was die Arbeit in Kassel von einer reinen Sprachfördermaßnahme unterscheidet, ist ihr pädagogischer Kern. Von Anfang an war der Anspruch größer als Sprachkompetenz, Schulabschluss und Berufsqualifikation. „Wir wollten die hier Ankommenden nicht nur einfach in das Bestehende integrieren, sondern sie auch als Individuen betrachten. Integration greift zu kurz, wenn sie die Tatsache unberücksichtigt lässt, dass jeder Mensch seine biografischen Ziele und Möglichkeiten in sich trägt.“

Wir wollten die hier Ankommenden nicht nur einfach in das Bestehende integrieren, sondern sie auch als Individuen betrachten. Integration greift zu kurz, wenn sie die Tatsache unberücksichtigt lässt, dass jeder Mensch seine biografischen Ziele und Möglichkeiten in sich trägt.

Das breite Fächerangebot der Waldorfschule erweist sich dabei als besonderer Vorteil. Während staatliche Schulen überwiegend kognitive Fähigkeiten fordernde Fächer anbieten, können die internationalen Schülerinnen und Schüler in Kassel auch Eurythmie, Theaterprojekte, Formenzeichnen, Geometrie und Handwerk erleben. Die Geometrie, für Hüttich als Mathematiklehrer ein besonderes Anliegen, eröffnet einen Bildungszugang jenseits der Sprache: „Man kann den Menschen in den Vorstellungsgedanken in das räumliche Denken einführen, ohne dass er die Fremdsprache schon können muss, um Erfolge zu erleben.“ Jugendliche, die innerhalb eines halben Jahres zu erstaunlichen geometrischen Zeichnungen fähig sind, erleben sich als kompetent – ein Fundament, auf dem sich alles weitere aufbauen kann. Die Schülerinnen und Schüler während ihrer Bildungsbiografie mit diesem Vorstellungsgerüst zu bereichern – das ist, was zehn Jahre Kasseler internationale Bildungsarbeit im Kern mit anstrebt.

Die zweite Generation – und neue Herausforderungen

Das Projekt hat sich in seiner zehnjährigen Geschichte stetig gewandelt. Am Anfang waren es vor allem allein reisende Jugendliche, die direkt von Jugendämtern und Vormundstellen zu der Schule geschickt wurden. Heute kommt eine neue Gruppe hinzu: Kinder von Familien, die bereits 2015 oder 2016 nach Deutschland kamen. Diese Kinder sind häufig zu Hause in der Herkunftssprache ihrer Eltern aufgewachsen, beherrschen Deutsch nur unzureichend und scheitern an den Anforderungen staatlicher Gymnasien. „Die zweite Generation strebt oft nach höheren Bildungsabschlüssen, weil sie gesehen haben, wie schwer es ihre Eltern ohne Qualifikation hatten.“ Die Waldorfschule bietet auch ihnen einen Weg.

Was in Kassel entstanden ist, ist kein fertig entwickeltes Modell, das man per Kopiervorlage übertragen könnte. Es ist ein lebendiges Gefüge, das immer wieder Anpassung, Mut und Reflexion verlangt. Aber es zeigt, dass Schule tatsächlich mehr sein kann als ein Ort der Wissensvermittlung. Sie kann ein Ort sein, an dem Menschen, die alles verloren haben, das Wichtigste zurückfinden: das Vertrauen in sich selbst und in eine offene Zukunft in einer vielsprachigen Welt.

Diese Arbeit basiert auf der Unterstützung eines Netzwerks von Stiftungen: der Bürgerstiftung für die Stadt Kassel und den Landkreis Kassel, GLS Treuhand e.V., Heidehof Stiftung GmbH, Stiftung Hübner und Kennedy GmbH, MAHLE-STIFTUNG GmbH und der Software AG – Stiftung.



Kunst und Kultur

Die Poesie des Werdens

Sieben Jahre – so lange dauerte der Weg von den ersten Dreharbeiten bis zur Kinopremiere des Dokumentarfilms „OROBORO“ im März 2025. Sieben Wochen lief er in brasilianischen Kinos, wurde in sieben Städten gezeigt und erreichte viele Zuschauerinnen und Zuschauer. Ein bemerkenswerter Erfolg für einen unabhängigen, mit geringem Budget produzierten Film, der ein Thema erkundet, das der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist: die transformative Kraft der Kunst in der menschlichen Entwicklung.



Wenn Schülerinnen und Schüler zu Protagonisten werden

Der Film des brasilianischen Regisseurs Pablo Lobato begleitet zwei Klassen der Rudolf-Steiner-Waldorfschule in Belo Horizonte bei ihren Theaterprojekten: die achte Jahrgangsstufe mit Mozarts „Zauberflöte“ und die zwölfte mit einer Bühnenadaption des brasilianischen Literaturklassikers „Grande Sertão: Veredas“ von João Guimarães Rosa. Was zwischen 2018 und 2020 entstand, ist mehr als nur eine Dokumentation über Schultheater – es ist ein poetisches Zeugnis darüber, wie Kunst Körper, Geist und Seele junger Menschen berührt und formt.

OROBORO– dieser Name ist nicht zufällig gewählt. Er verweist auf das mythische Symbol der Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt und damit den ewigen Kreislauf von Leben, Tod und Erneuerung darstellt. Eine Metapher, die Guimarães Rosas einzigartige Fähigkeit spiegelt, scheinbare Gegensätze zu vereinen: Leben und Tod, Gut und Böse, das Göttliche und das Profane. Genau diese Vielschichtigkeit entdeckt Lobato auch in der Arbeit der jungen Theaterspielerinnen und -spieler.

Ein Anruf, der alles veränderte

Alles begann mit einem simplen Anruf. Die Zwölftklässler suchten jemanden, der ihre Aufführungen filmen könnte – mit begrenztem Budget und ohne große Erwartungen. Pablo Lobato, damals noch ahnungslos, was ihn erwarten würde, erinnert sich: „Ich verließ gerade mein Studio, als der Anruf kam. Erst wollte ich sehen, was dort passiert, um zu verstehen, wie sich das filmen lässt.“

Doch schon am nächsten Tag, bei der ersten Probe, war er gefangen. „Was ich erlebte, fesselte mich sofort. Die Intensität war spürbar – nicht nur die schauspielerischen Fähigkeiten der Jugendlichen beeindruckten mich, sondern vor allem ihre Art des Miteinanders, dieser gegenseitige Respekt und die Aufmerksamkeit füreinander.“

Eine Klasse voller Vielfalt

Was Lobato sofort auffiel, war die bemerkenswerte Vielfalt der Gruppe: „Eine unglaubliche Vielfalt: Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen, ein gehörloser Mitschüler, verschiedene Lebensweisen und Herkünfte. Eine seltene Konstellation – einfach wunderschön.“ Und dann wagten sie sich an einen der schwierigsten Texte der brasilianischen Literatur heran. „Als sie sich für Grande Sertão entschieden, dachte ich: Hier entsteht etwas ganz Besonderes!“

Die Entscheidung der Jugendlichen stieß nicht überall auf Begeisterung. Manche Lehrkräfte sorgten sich wegen der enormen Komplexität, einen der bedeutendsten Romane Brasiliens für die Bühne zu adaptieren. Doch gerade diese Entschlossenheit – ihr beharrliches Festhalten an der eigenen Wahl trotz der Zweifel der Erwachsenen – faszinierte den Filmemacher.

Über den Regisseur

Pablo Lobato (geb. 1976) ist bildender Künstler und Filmemacher aus Bom Despacho, Brasilien. Sein Debütfilm „Acidente“ wurde auf renommierten Festivals wie Sundance, Locarno und Guadalajara gezeigt und gewann den Preis für den besten iberoamerika-nischen Dokumentarfilm. 2009 erhielt er das prestigeträchtige John Simon Guggenheim Fellowship. Nach Jahren intensiver Arbeit in der bildenden Kunst mit Ausstellungen im MoMA (New York), New Museum (New York) und Museo Tamayo (Mexiko-Stadt) kehrt er mit „OROBORO“ zum Kino zurück.

Vertrauen als Grundlage

Der Weg zur Realisierung war nicht einfach. Eltern mussten der Teilnahme ihrer oft minderjährigen Kinder zustimmen, die Schule zögerte, einen so intimen pädagogischen Prozess der Öffentlichkeit preiszugeben. Erst nach vielen Gesprächen verstanden alle die Bedeutung des Vorhabens: der Welt zu zeigen, welche Schönheit und transformative Kraft die Kunst für junge Menschen bereithält. „Erst dann öffneten sie ihre Türen wirklich und gestatteten mir Aufnahmen im Klassenzimmer“, beschreibt Lobato den Durchbruch. „Es entstand eine Vertrauensbeziehung, die es mir ermöglichte, den Schulalltag in all seinen Facetten zu dokumentieren.“

Wenn die Pandemie Theater nicht verhindert

Mitten in die Filmarbeiten platzte die COVID-19-Pandemie. Während überall Theater geschlossen wurden, wollte der Lehrer der achten Klasse seinen Schülerinnen und Schülern die Theatererfahrung nicht vorenthalten. Kurzerhand schlug er einen dreiwöchigen Rückzug vor, um Mozarts „Zauberflöte“ zu inszenieren. Lobato dokumentierte den gesamten Entstehungsprozess und erkannte das Potenzial, beide Theaterprojekte miteinander zu verweben. „Dieser Film entstand völlig ungeplant, fast organisch“, reflektiert der Regisseur. „Nach und nach fand er seine Unterstützer, selbst Kolleginnen und Kollegen ließen sich mitreißen – alle spürten: Hier entsteht etwas Außergewöhnliches.“

Dies ist ein Film im Dienste der Kunst“, fasst Lobato seine Vision zusammen. „Wir wollten die Zuschauerinnen und Zuschauer in einen Raum künstlerischer Betrachtung einladen – einen Raum, der Emotionen weckt und Gefühle berührt. Wir haben uns für die Poesie entschieden.“

Kunst für Alle zugänglich machen

Nach der erfolgreichen Kinopremiere suchte das Team nach Wegen, den Film weiterzuverbreiten. Ihr Ziel: „OROBORO“ als Instrument für Reflexion und Wandel in Bildungseinrichtungen zu etablieren. Hier kam das INSTITUTO MAHLE ins Spiel. Gemeinsam brachten sie den Film zu Menschen, denen der Zugang zur Kultur traditionell verwehrt bleibt – sei es durch geografische Abgeschiedenheit oder wirtschaftliche Hürden.

Vier Monate lang fand der Film seinen Weg durch 18 brasilianische Städte, wurde sowohl in kommerziellen Kinos als auch in besonderen Vorführungen für Waldorf- und staatliche Schulen gezeigt. „Wir wollten den Film zu neuen Zielgruppen bringen, zu Menschen, die mit der Anthroposophie nicht vertraut sind“, erklärt Lobato das Konzept. „Bewusst haben wir darauf verzichtet, einen belehrenden Film zu schaffen. Die Menschen sollten die Kraft der Verbindung zwischen Kunst und menschlicher Entwicklung unmittelbar spüren – ohne theoretische Erklärungen.“

Die Wahl der Poesie

Im Juli 2025 wurde der Film auf Einladung des Goetheanums während des Alma-Humana!-Kongresses im Haupttheater als Teil des offiziellen Programms gezeigt – ein Zeichen für die internationale Ausstrahlung des Projekts. So erzählt „OROBORO“ nicht nur von zwei Theaterprojekten, sondern von der universellen Kraft der Kunst, junge Menschen zu verwandeln und ihnen zu helfen, ihren Platz in der Welt zu finden. Ein Film, der wie das mythische Symbol seines Namens zeigt: Aus jeder Verwandlung entsteht etwas Neues.

Trailer zum Film:

Kunst und Kultur

Wenn Punkt die Welt neu entdeckt

Die neue Mitmachausstellung „BUNT“ im Jungen Schloss Stuttgart zeigt, wie Farben, Formen und Kreativität Kinder zum spielerischen Lernen inspirieren.

Ein kleiner Punkt stolpert über eine geheimnisvolle Spur. Sie schimmert in allen Farben des Regenbogens, und sofort ist Punkts Neugier geweckt. Was folgt, ist eine Entdeckungsreise durch eine Welt voller Farben, Formen und unendlicher Gestaltungsmöglichkeiten – eine Reise, die seit dem 18. Oktober 2025 auch kleine und große Besucherinnen und Besucher im Jungen Schloss Stuttgart erleben können.

Mehr als nur Farbe

„BUNT“ ist die zwölfte Mitmachausstellung des Kindermuseums im Landesmuseum Württemberg – und zugleich ein besonderes Jubiläumsgeschenk. Denn das Junge Schloss feierte 2025 seinen 15. Geburtstag und kann auf eine beeindruckende Erfolgsgeschichte zurückblicken: Rund 700.000 kleine und große Besucherinnen und Besucher haben seit der Eröffnung 2010 die interaktiven Ausstellungen besucht.

Mit ‚BUNT‘ ermutigen wir die Kinder, aktiv zu gestalten und den Raum für ihr Ausprobieren zu nutzen

Ida Schneider

Die von Ida Schneider und Christoph Fricker kuratierte Ausstellung lässt Kinder zwischen vier und zehn Jahren gemeinsam entdecken, was aus einem Punkt so alles werden kann.. „Mit ‚BUNT‘ ermutigen wir die Kinder, aktiv zu gestalten und den Raum für ihr Ausprobieren zu nutzen“, erklärt Kuratorin Ida Schneider. „Durch die Mitmachstationen, Originalobjekte und Punkts Geschichte schärfen die Kinder ihre Wahrnehmung der Umwelt.“

Ein Fest für alle Sinne

Die Ausstellung macht ihrem Namen alle Ehre: An verschiedenen Stationen können die jungen Besucherinnen und Besucher Regenbogenfarben mischen, Linien tanzen lassen, Muster legen oder mit großen Formbausteinen experimentieren. Gemeinsam rhythmische Beats gestalten gehört ebenso dazu wie das Erkunden verschiedener Materialien und Texturen. „Die Kinder sehen, hören, riechen und fühlen – und entdecken dabei, dass Bunt viel mehr ist als nur Farbe“, beschreibt Referatsleiter Christoph Fricker das Konzept.

Die Kinder sehen, hören, riechen und fühlen – und entdecken dabei, dass Bunt viel mehr ist als nur Farbe

Christoph Fricker

Wie bei allen Projekten im Jungen Schloss wurde auch „BUNT“ von einem Kinderbeirat mitentwickelt. Die jungen Expertinnen und Experten lieferten Ideen, diskutierten mit dem Kuratorenteam und entwickelten kreative Stationen wie mehrsinnige „Farbwolken“ oder „bunte“ Klangerlebnisse mit. Dieses partizipative Vorgehen sorgt dafür, dass die Ausstellung tatsächlich aus der Perspektive der Kinder gedacht ist.

Schätze aus der Sammlung

Ein besonderes Highlight der Ausstellung sind leuchtend bunte Glasvasen aus dem 20. Jahrhundert, die aus einem Konvolut von über 1.000 Stücken vor 25 Jahren als Schenkung eines Privatsammlers aus Laupheim ins Landesmuseum kamen. Die Auswahl folgte einem klaren Prinzip: Farbe! Von kräftigem Rot über tiefes Blau bis hin zu leuchtendem Gelb zeigen die Objekte das gesamte Spektrum des Regenbogens. Aufkleber wie „Murano“, „Made in Portugal“ oder „WMF – Germany“ erzählen dabei kleine Geschichten über Herkunft und Entstehungszeit der Stücke.

„Diese Glasvasen sind wie bunte Botschafter verschiedener Länder und Epochen“, schwärmt Dr. Maaike van Rijn, die gemeinsam mit Ida Schneider an der Präsentation der Objekte arbeitet. „Die Kinder können sehen, wie unterschiedlich Gestaltung aussehen kann – von schlichten Alltagsvasen bis zu extravaganten Designerstücken der 1940er- bis 1960er-Jahre.“

Ergänzt werden die Glasobjekte durch weitere Exponate aus den Sammlungen des Landesmuseums: Wundervoll mit Linien und punktförmigen Einstichen verzierte Keramik aus der Jungsteinzeit zeigt, dass Menschen schon vor Jahrtausenden mit Linien und Punkten ihre Umwelt gestalteten. Ein Teeservice aus Metall, entworfen von Christopher Dresser, einem der ersten Industriedesigner, begeistert durch seine konsequente Kugelform. Ein über 3.000 Jahre altes ägyptisches Glasgefäß in Form eines Granatapfels steht in der Ausstellung beispielhaft für die Inspiration durch die bunte und vielfältige Natur. Um nur einige Objekte zu nennen.

Inklusion als Selbstverständlichkeit

Besonders wichtig ist dem Team des Jungen Schlosses, dass alle Kinder die Ausstellung erleben können. Stationen zum Hören, Sehen und Fühlen, Videos in Deutscher Gebärdensprache und Audiotexte machen „BUNT“ für alle zugänglich. „Vielfalt und Inklusion sind für uns keine leeren Worte, sondern gelebte Praxis“, betont Fricker.

Vielfalt und Inklusion sind für uns keine leeren Worte, sondern gelebte Praxis

Christoph Fricker

„Das wollen wir und das müssen wir. Schließlich haben Kinder ein Recht darauf. Die Kinderrechte spielen bei uns als Kindermuseum aber auch konkret in der Ausstellung eine wichtige Rolle. So verknüpfen wir die Themenbereiche jeweils mit einem ausgewählten Kinderrecht – wie auch schon in den vergangenen Ausstellungen des Jungen Schlosses“, ergänzt Schneider.

Ein Dankeschön an treue Wegbegleitende

Die Realisierung der Ausstellung wäre ohne die Unterstützung treuer Förderinnen und Förderer nicht möglich gewesen. Allen voran die Baden-Württemberg Stiftung, die zum 15. Geburtstag des Kindermuseums die Ausstellung „BUNT“ erst ermöglicht hat. „Schon die erste Ausstellung des Kindermuseums war nur mit Hilfe einer großen Förderung möglich“, reflektiert Fricker. „Heute, 15 Jahre später, kann ich es kaum glauben, mit wie viel Herzblut und Engagement Unternehmen, Stiftungen und ganz viele Privatpersonen das Junge Schloss zu einer festen Institution gemacht haben.“

Auch die MAHLE-STIFTUNG gehört zu den langjährigen Unterstützerinnen des Projekts. Ihr Engagement ermöglicht es, dass Kunst und Kultur für Kinder nicht nur theoretisch vermittelt, sondern praktisch erlebbar werden.

Kreativität als Schlüssel zur Welt

„BUNT“ ist mehr als eine Ausstellung – es ist eine Einladung, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Wenn Kinder hier Farben mischen, Formen erkunden und gemeinsam kreative Projekte entwickeln, lernen sie nicht nur etwas über Kunst und Gestaltung. Sie entwickeln Wahrnehmung, Kreativität und Selbstvertrauen – Fähigkeiten, die weit über den Museumsbesuch hinaus von Bedeutung sind.

„Im schönsten Falle empfinden die Kinder Freude an der Vielfältigkeit, entdecken sie das Bunt auch außerhalb des Museums und setzen weiterhin mit Spaß ihre Kreativität ein“, fasst Kuratorin Schneider die Hoffnungen des Teams zusammen. Punkt, das Maskottchen, würde dem sicher zustimmen – denn Punkts bunte Spur hört auch nach der Ausstellung nicht auf.

Die Ausstellung „BUNT“ läuft noch bis zum 2. August 2026 im Jungen Schloss Stuttgart.

Kunst und Kultur

Die Stimme der Steine

Das Buna Eurythmie Ensemble hat sich aufgemacht, einem vergessenen Kulturerbe eine Stimme zu geben – mit Eurythmie, Cello und bosnischer Dichtung. Eine Tournee durch den Balkan, die mehr war als ein Kunstprojekt.

Es beginnt mit einer gemeinsamen Frage. Nicht mit einem Konzept, nicht mit einem Förderantrag – sondern mit einer Frage: Was braucht die Welt heute, und wie kann die Kunst – gerade dort, wo sie zu verschwinden droht – neue Wege eröffnen? Aus diesem Impuls entstand das Buna Eurythmie Ensemble. Buna – das ist der Name einer tiefen Quelle in Bosnien und Herzegowina. Und er steht für ein Projekt, das Brücken bauen will: zwischen Menschen, Kulturen, Vergangenheit und Gegenwart.

So hatte das Buna Eurythmie Ensemble die Idee, in ein Land zu reisen, wo die Eurythmie noch relativ unbekannt ist. „Wir wollten nicht nur dort auftreten, wo die Menschen die Eurythmie schon erlebt haben“, erzählt Aylin Bayboga, Eurythmistin und Mitbegründerin des Ensembles. „Uns interessierte die echte Begegnung – mit einem Publikum, das zum ersten Mal damit in Berührung kommt.“ Dass es der Westbalkan werden sollte, war kein Zufall: Bayboga hat familiäre Wurzeln in Bosnien, spricht die Sprache – und wusste, dass seit dem Jugoslawienkrieg das kulturelle Leben der Region tief verwundet ist.

Steine, die sprechen

Auf einer Erkundungsreise vor Beginn der Proben kauft Bayboga Bücher: Märchen, Gedichte, Geschichten über das Land. In der Probe breitet die Gruppe das Material aus – und stößt auf einen Namen, der die anfänglichen Pläne zum Programm verändert: Mak Mehmedalija Dizdar. Der bedeutendste Dichter Bosniens, dessen Gedichtzyklus „Kameni Spavač“ – „Der steinerne Schläfer“ – 1966 erschien und ihn weit über die Grenzen seiner Heimat bekannt machte. Seine Gedichte geben den sogenannten Stećci eine Stimme: jenen riesigen, von Menschenhand gemeißelten Steinblöcken, die über den Balkan verstreut liegen und deren Symbole – Spiralen, Kreise, Kreuze – auf eine fast vergessene Zivilisation deuten, die der Bogumilen.

Uns interessierte die echte Begegnung – mit einem Publikum, das zum ersten Mal damit in Berührung kommt.

„Als wir die Gedichte gelesen haben – erst auf Bosnisch, dann auf Deutsch – war sofort klar: Das ist es“, erinnert sich Bayboga. „Alles andere trat in den Hintergrund.“ Was die Gruppe an Dizdar fesselte, war das Geheimnisvolle seiner Bilder: Schlange, weiße Lilie, Apfelbaum – Symbole, die für etwas stehen, das sich dem direkten Zugriff entzieht. Wie im Traum lesen sich seine Verse. Dizdar selbst beschrieb, dass er den Steinen gleichsam ablausche, was sie zu sagen haben – dass er eine Beziehung zu den Verstorbenen hat, die unter ihnen ruhen.

Die Bogumilen, deren Erbe die Stećci bewahren, waren eine freigeistige christliche Bewegung des Mittelalters: Sie beteten unter freiem Himmel, lehnten kirchliche Hierarchien ab und lebten nach einem strengen Ethos des Friedens. Von der katholischen wie der orthodoxen Kirche verfolgt, hinterließen sie kaum schriftliche Zeugnisse – das meiste wurde verbrannt. Was blieb, sind die Steine. Und Dizdar hat ihnen eine Sprache gegeben.

Von der Probe zur Tournee

Vom August 2024 an probt das siebenköpfige Ensemble in Dornach, Stuttgart und Witten – in Intensivphasen, die jeweils eine Woche oder mehr dauern, dazwischen regelmäßige Gruppentelefonate, die den gemeinsamen Impuls wachhalten. Die Eurythmie greift die Ornamentik der Steine auf: Spiralen werden zur Bewegungsform, Symbole von Mond und Sonne finden ihren Weg in die Choreographie. „Wir haben versucht, etwas, was zu Stein geworden ist, wieder in Bewegung zu übersetzen“, beschreibt Bayboga den Ansatz.

Wir haben versucht, etwas, was zu Stein geworden ist, wieder in Bewegung zu übersetzen.

Eine glückliche Fügung löst die Frage nach der Sprache: Vladimir Bogdanovic, Cellist aus Serbien und Mitglied des renommierten Werther-Quartetts, beherrscht die Sprache – und übernimmt neben dem Cello auch die Sprachgestaltung der Gedichte. „Das war am Ende die beste Lösung“, sagt Bayboga. „Er trägt die Texte aus einem wirklichen inneren Bezug heraus.“ Im September 2025 bricht das Ensemble auf: mit zwei Autos, einem Bus voller Bühnenrequisiten und Kostümen, neun Aufführungen und acht Workshops in sieben Städten. Die Route führt von Lausanne über Kroatien nach Bosnien und Herzegowina, nach Serbien und zurück.

Volle Säle – und eingestürzte Dächer

Die Tournee ist kein Triumphzug. Sie ist abenteuerlich, erschöpfend, tief bewegend. An manchen Orten hängen die Plakate nicht, die Koordination mit lokalen Veranstaltern erweist sich als zäh – Bayboga und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter rennen kurz vor Vorstellungsbeginn durch die Städte und verteilen Flyer. An einem Aufführungsort ist der Haupteingang des Theaters seit Jahren wegen eines eingestürzten Dachs gesperrt; Publikum und Ensemble betreten das Haus durch den Hintereingang. „Das war ein Ausdruck der Zeit“, sagt Bayboga nüchtern. „Man sieht, dass da nicht gerade blühendes Leben herrscht.“

Und doch: Die Menschen kommen. Besonders stark ist die Wirkung dort, wo zuvor ein Workshop stattgefunden hat – wo die Schülerinnen und Schüler die Eurythmie erst selbst erlebt haben und dann als Publikum in die Aufführung gehen. „Das waren die schönsten Abende“, erinnert sich Bayboga. „Anfangs immer diese Spannung im Saal – was machen die da? Und dann, im Verlauf des Abends, wurde es immer besser.“ Nach einer Vorstellung sagt ein Besucher, die Aufführung wirke „wie ein Traum“.Und ein Schüler konstatiert nach dem Eurythmie-Workshop, eigentlich bräuchte man dafür weder Musik noch Sprache – am angemessensten wäre es, das Ganze stumm zu machen. Gemeint ist das als Lob. Ein Theaterdirektor in Bosnien spricht von „physischem Theater“ und fragt an, ob eine Zusammenarbeit denkbar wäre.

Im Historischen Museum in Sarajevo, wo Stećci Teil der ständigen Sammlung sind, erlebt das Ensemble eine besondere Begegnung: Echte Kennerinnen und Kenner der Bogumilensteine kommen nach der Aufführung mit dem Ensemble ins Gespräch und berichten über das, was sie wissen. Das Museum hatte zuvor eigene Workshops zu den Steinsymbolen angeboten – ein Rahmen, der die Aufführung zu einem wirklichen Ereignis werden lässt.

Weiter durch Europa

Nach der Balkantournee geht das Programm in die deutschsprachige Welt: Stuttgart, die Niederlande, das Goetheanum in Dornach, ein Eurythmie-Festival in Italien. Für das Publikum in Deutschland und den Niederlanden wird der programmatische Einstieg – ein „Tor“, das ins Thema einführt – jeweils in der Landessprache gestaltet. „Man wird abgeholt“, erklärt Bayboga. „Man weiß, worum es geht – um Menschen, denen etwas passiert, und aus dem, was ihnen passiert, entstehen Bewegungen, Gefühle, Texte.“

Bis Herbst 2026 sind aktuell noch elf weitere Aufführungen geplant. Die Botschaft der Steine, sagt Bayboga, sei heute genauso dringlich wie zur Zeit der Bogumilen: „Diese spirituelle Kraft, die in den Stećci ruht – die wartet darauf, gehört zu werden.“

Ortsgespräch

TÜREN ÖFFNEN

Wie das INSTITUTO MAHLE die Anthroposophie in Brasilien demokratisiert



Interview mit Manuela Lopes

Geschäftsführerin, INSTITUTO MAHLE

Seit sechs Jahren leitet Manuela Lopes das INSTITUTO MAHLE. Ihr Weg dorthin war alles andere als konventionell – sie war Waldorflehrerin, Controllerin bei Motorola, Clubmanagerin und schließlich Geschäftsführerin der brasilianischen Partner-organisation der MAHLE-Stiftung.

Diese vielfältige Erfahrung hat sich als wertvoll erwiesen, um das INSTITUTO MAHLE durch eine Phase außergewöhnlichen Wachstums und tiefgreifender Transformation zu führen.

Manuela, Ihre Karriere ist außergewöhnlich. Wie kommt jemand von einem Club in São Paulo zum INSTITUTO MAHLE?

Das ist eine lange Geschichte! Seit meiner Kindheit faszinieren mich die menschliche Seele und die menschliche Entwicklung. Ich wollte Psychologin werden, und über das Psychologiestudium habe ich die Anthroposophie entdeckt. Ich habe mich zur Waldorflehrerin ausbilden lassen und zehn Jahre lang unterrichtet. Aber als ich mich scheiden ließ, musste ich mich leider der Tatsache stellen, dass Lehrergehälter in Brasilien so niedrig sind, dass ich es mir nicht leisten konnte, meine eigenen Töchter auf eine Waldorfschule zu schicken. Also habe ich komplett umgesattelt und bin ins Finanzwesen gegangen: in das Reparaturzentrum von Motorola.

In diesen Jahren habe ich auch einen Club geleitet – es war eine berühmte Spielstätte für brasilianische Musik in São Paulo. Ich musste meine Kinder versorgen, also tat ich, was nötig war. Aber ich habe nie meine Verbindung zur Anthroposophie verloren; meine Töchter blieben in der Waldorfschule, und ich blieb in der Bewegung engagiert.

Als Tecpar – Motorola CAR in Brasilien schloss, kam mir die Idee, beide Welten zu verbinden. Ich begann, Waldorfschulen bei ihren Finanzen zu helfen. So lernte ich Henner Ehringhaus kennen, der damals mit dem INSTITUTO MAHLE zusammenarbeitete. Er lud mich ein, dem Vorstand beizutreten, und später wurde ich gebeten, die Geschäftsführung des Instituts zu übernehmen. Es war eigentlich ganz natürlich – ich konnte Gesundheit, Landwirtschaft und Bildung durch mein anthroposophisches Wissen und meine praktische Finanzerfahrung verbinden.

Manuela Lopes als Waldorflehrerin

Sie stehen nun seit sechs Jahren an der Spitze. Wie hat sich das INSTITUTO MAHLE in dieser Zeit entwickelt?

Die bedeutendste Veränderung liegt in der Klarheit des Auftrags. Als die Anthroposophie nach Brasilien kam, erreichte sie zunächst ausschließlich die Elite – nur wohlhabende Menschen hatten Zugang zur Waldorfpädagogik, zu biodynamischen Lebensmitteln und zur anthroposophischen Medizin. Ich denke, die entscheidende Rolle des INSTITUTO MAHLE besteht darin, diese Praktiken für weitaus mehr Menschen zu öffnen, vor allem diejenigen, die sie sich bisher nicht leisten konnten.

Das ist etwas recht Neues in Brasilien. Wir haben inzwischen etwa 300 Waldorfschulen im Land, und zehn Prozent davon sind soziale Schulen – die meisten werden vom INSTITUTO MAHLE unterstützt. Wir arbeiten viel mit Quilombo-Gemeinschaften – den Nachfahren versklavter Menschen –, die biodynamische Landwirtschaft auf ihren kleinen Höfen einführen. Diese Communities produzieren einen Teil der Bio-Lebensmittel Brasiliens.

Auch im Gesundheitssektor haben wir etwas Bemerkenswertes erreicht. Brasilien hat ein einzigartiges kostenloses öffentliches Gesundheitssystem, das SUS, das eine universelle Gesundheitsversorgung bietet. Viele Jahre lang wurde die anthroposophische Medizin in diesem System nicht anerkannt. Jetzt ist sie es, und ich glaube, das wäre ohne das INSTITUTO MAHLE nicht möglich gewesen, weil wir Projekte unterstützt haben, die einen Mehrwert für arme Menschen und Menschen aus der Mittelschicht erzeugten.

Das ist eine beachtliche Leistung. Ich habe gelesen, dass die Zahl der Anträge stark gestiegen ist - von 109 im Jahr 2023 auf 188 im Jahr 2024. Was sagt uns das?

Es spiegelt sowohl die wachsende Bekanntheit unserer Arbeit wider als auch, leider, den wachsenden Bedarf. Brasilien steht vor tiefen strukturellen Problemen – enormer sozialer Ungleichheit, anhaltendem Rassismus. Die Hälfte unserer Bevölkerung ist Schwarz, und dennoch werden diese Menschen nach wie vor systematisch ausgegrenzt. Die anthroposophische Bewegung selbst war sehr weiß, sehr deutsch geprägt. Wir fangen erst jetzt an, aufzuwachen und den Bedarf an Veränderung zu erkennen.

Die gestiegenen Antragszahlen zeigen auch, dass mehr Organisationen entdecken, dass das INSTITUTO MAHLE ihnen helfen kann. 2025 war das erste Jahr, in dem soziale Organisationen, die mit öffentlichen Institutionen verbunden sind, uns eingeladen haben, an strategischen Treffen teilzunehmen. Wir beginnen, über die anthroposophische Bewegung hinaus als wichtiger Akteur im breiteren Feld der sozialen Entwicklung wahrgenommen zu werden.

Wir haben auch unsere Evaluierungsmethoden gestärkt. 2024 haben wir eine Theory of Change und detaillierte Indikatoren entwickelt, um die Projektwirkung systematischer zu messen. Das hilft uns nicht nur zu verstehen, was wir fördern, sondern wie es tatsächlich das Leben der Menschen und die Gemeinschaften verändert.

Können Sie uns Beispiele für Projekte geben, die Sie besonders beeindruckt haben?

Da fallen mir mehrere ein, aber lassen Sie mich von zwei Projekten erzählen, die für mich wirklich herausragen. Das erste ist die Schule Murundu Community Association in Palmeiras, einer kleinen Stadt in der Chapada Diamantina im Bundesstaat Bahia. Es ist eine abgelegene, arme Gegend. Eine Lehrerin namens Ana Claudia gründete dort eine kostenlose Waldorfschule und bat das INSTITUTO MAHLE Jahr für Jahr um Unterstützung. Ich sagte ihr, sie müsse einen Weg zur Autonomie finden, dass wir die Schule nicht ewig unterstützen können.

Für mich zeigt das: Wenn man verschiedene Bereiche verbindet, wie in diesem Fall die Landwirtschaft und die Bildung, kann die gesamte Gemeinschaft profitieren. Und es zeigt auch, was eine entschlossene Person mit einer kreativen Idee erreichen kann.

Eines Tages rief sie mich an und sagte: „Manuela, ich habe einen Weg gefunden.“ Jemand hatte ihr eine Maschine zur Herstellung von Fruchtfleisch geschenkt, und sie hatte eine Idee. Als sie durch die Stadt lief, bemerkte sie, dass fast jedes Haus Obstbäume im Garten hatte – einheimische Bäume, die dort einfach wuchsen. Die Früchte fielen zu Boden, ungenutzt. Sie dachte: Was wäre, wenn ich diese Menschen mit dem Verband für biodynamische Landwirtschaft in Kontakt bringe? Was wäre, wenn wir einen Betrieb schaffen, der diese Früchte verarbeitet und auf den Bio-Märkten rund um die Chapada Diamantina verkauft?

Ana hat es umgesetzt und ein Teil des Erlöses fließt der Schule zu. Sie hat mehr als 70 Frauen an die biodynamische Landwirtschaft herangeführt. Sie begannen, Produkte aus Bio-Obst zu produzieren – inzwischen sind sie biozertifiziert und befinden sich im Übergang zur Biodynamik. Aber Ana hat nicht nur der Schule geholfen. Sie hat die ganze Stadt verändert. Der Bürgermeister sah, was passierte, und beschloss, die Schule zu unterstützen, weil er so beeindruckt war von der Veränderung und Wirkung.

Murundu Community Association in Palmeiras

Und das zweite Beispiel?

Das kommt aus dem Gesundheitssektor. Nileni ist eine Ärztin am Instituto Nacional de Câncer in Rio de Janeiro – Brasiliens führendem öffentlichem Institut für Krebskontrolle. Sie arbeitete in der pädiatrischen Onkologie und lernte über die Waldorfpädagogik die anthroposophische Medizin kennen. Sie bat daraufhin ihre Direktorin um Erlaubnis, einige anthroposophische Medikamente bei Kindern in der Palliativversorgung einzusetzen. Bemerkenswert ist, dass diese zugestimmt hat. Denn es ist im öffentlichen Gesundheitssystem sehr ungewöhnlich, dass jemand etwas völlig Neues ausprobieren darf. Nileni begann, die Kinder zu behandeln; dabei ging es nicht um Heilung – es waren ja Palliativfälle –, sondern um eine Veränderung der Beziehung zwischen den Kindern und ihren Familien und wie die Familien dem Tod ihres Kindes begegnen konnten.

Ich würde sagen: Die anthroposophischen Arzneimittel haben dabei geholfen, die Spiritualität dieser Menschen zu öffnen. Das Krankenhaus anerkannte nicht die Heilkraft im konventionellen Sinne, sondern die Heilung von Beziehungen und eine andere Art, auf den Tod zu schauen. Das war der Durchbruch, der die Krankenhausdirektorin überzeugte, sie weitermachen und wachsen zu lassen.

Wir haben das Projekt in diesem Jahr mit Dr. Marion Debus, der Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum, besucht, und sie war von der Arbeit begeistert. Jetzt unterstützen wir ein Projekt, um diesen Bereich der anthroposophischen Medizin innerhalb des Krankenhauses wirklich wachsen zu lassen. Manchmal hat eine Person in einer gewachsenen Institution den Mut, etwas Neues zu versuchen, und kann eine ganze Abteilung verändern.

Sie haben Forschung als Anliegen erwähnt. Wo sehen Sie die Herausforderungen?

Wir brauchen viel mehr akademische Forschung in Brasilien. Darüber diskutieren wir intensiv mit Jürgen Schweiß-Ertl von der MAHLE-STIFTUNG. Wir wissen, dass die anthroposophische Medizin konzeptionell auf einem hohen Niveau arbeitet, aber das reicht nicht aus. Wir brauchen Forschung, die konventionellen medizinischen Standards entspricht, um uns wirklich in die öffentliche Gesundheitsversorgung zu integrieren.

Jürgen Schweiß-Ertl von der MAHLE-STIFTUNG mit einigen Mitarbeitenden des INSTITUTO MAHLE

In der Bildung sind wir besser aufgestellt. Wir unterstützen jedes Jahr 100 bis 150 Lehrerinnen und Lehrer bei ihrer Ausbildung. Aber in der Medizin gehen die Ausbildungskurse tatsächlich zurück – es studieren nicht mehr so viele neue Ärztinnen und Ärzte anthroposophische Medizin wie früher. Das bereitet mir Sorgen.

Die Landwirtschaft ist wieder anders. Sie wird nicht in gleicher Weise als soziales Feld wahrgenommen wie Gesundheit und Bildung, obwohl sie die Menschen ernährt. Es braucht Zeit, bis sich die Denkweisen verändern, um ihre Notwendigkeit im Kontext von Klimawandel und Ernährungssicherheit zu verstehen.

Wo sehen Sie das INSTITUTO MAHLE in fünf Jahren?

Ich hoffe, dass wir unsere gesellschaftliche Öffnung fortsetzen können. Wir sprechen hier von 90 Prozent der brasilianischen Bevölkerung, die zuvor keinen Zugang zu anthroposophischen Produkten, Methoden oder Ideen hatten. Jetzt breitet sich das Angebot aus.

Die anthroposophische Gesellschaft selbst verändert sich. Letztes Jahr hat sie zum ersten Mal den Tag des Schwarzen Bewusstseins mitgefeiert – einen nationalen Feiertag, an dem sie bisher nie partizipiert hatte. Die Mitglieder beginnen zu erkennen, dass sie sich über alte deutsche anthroposophische Familien hinaus erweitern müssen, dass jeder und jede Zugang haben sollte.

Ich glaube, die Anthroposophie kann helfen zu erkennen, dass wie alle Menschen in Entwicklung sind. Es ist nicht einfach, aber das ist die Mission des INSTITUTO MAHLE. Wir sind nicht mehr allein im Bereich der Anthroposophie in Brasilien – andere Organisationen beginnen, uns anzuerkennen und uns zur Zusammenarbeit einzuladen.

Ich denke, das ist unsere Zukunft: weiterhin Projekte zu unterstützen, die Communities wirklich transformieren, zu zeigen, dass anthroposophische Ansätze für alle funktionieren, nicht nur für Privilegierte, und Brücken zwischen der anthroposophischen Bewegung und der breiteren sozialen Entwicklung in Brasilien zu bauen. Wir stehen erst am Anfang dieser Reise.

Das Interview führte Antal Adam

MAHLE-STIFTUNG

Von Gen Z für Gen Z: die ÜBERMORGENMACHER

Wie erreicht man eine Generation, die zwischen TikTok-Reels und Zukunftsangst navigiert? Die MAHLE-STIFTUNG hat mit den ÜBERMORGENMACHERN eine ebenso einfache wie wirkungsvolle Antwort gefunden: Man lässt junge Menschen selbst zu Wort kommen.

Frische Perspektiven auf große Fragen

Zwei Jahre lang produzierte ein studentisches Redaktionsteam Content von und für die Generation Z – auf Instagram, YouTube und TikTok. Das Themenspektrum war dabei so breit wie die Interessen der Zielgruppe selbst: von nachhaltigen Finanzen über Komplementärmedizin und Resilienz bis hin zu Feminismus, Inklusion und den ganz konkreten Herausforderungen junger Erwachsener – unbezahlbare WG-Zimmer, Rente, KI und die Frage, ob der Traumjob morgen noch existiert.

Dabei blieb das Format stets nah an der Lebenswirklichkeit seiner Zielgruppe: kein erhobener Zeigefinger, dafür konkrete Ideen und inspirierende Beispiele. In Video-Podcasts kamen Expertinnen und Experten zu Wort – etwa Nadine Raißle von der GLS Bank, die im Gespräch mit der Redaktion erfrischend zugänglich über Geld als gesellschaftliches Gestaltungsmittel sprach. Das Redaktionsteam begleitete zudem die Vortragsreihen der MAHLE-STIFTUNG im Alten Schloss und übersetzte diese Impulse in die Sprache der sozialen Medien.

Denkanstöße statt Belehrung

Ob Philosophie im Alltag, Bildungspolitik zur Bundestagswahl oder die Frage, was Stoizismus mit einem erfüllten Leben zu tun hat: Die ÜBERMORGENMACHER lieferten Gedankenanstöße, die zum Weiterdenken einluden – und dabei immer den Blick auf eine gerechtere und empathischere Zukunft richteten. Nach zwei erfolgreichen Staffeln befindet sich das Projekt nun im Pausenmodus. Was bleibt, ist eine Plattform, die gezeigt hat, dass die Generation Z sich keineswegs nur für Kurzlebiges interessiert – sondern durchaus für das Übermorgen.

YouTube, Instagram, Tiktok: @uebermorgenmacher

MAHLE-STIFTUNG

Lebenslinien im Zeitenwandel:

eine Veranstaltungsreihe der MAHLE-STIFTUNG

Mit der Fortsetzung ihrer Vortragsreihe „Lebenslinien im Zeitenwandel“ im Alten Schloss in Stuttgart weitet die MAHLE-STIFTUNG erneut den Blick auf drängende gesellschaftliche Probleme unserer Gegenwart und Zukunft und nimmt dabei aktuelle Probleme auf, welche die Menschen unter dem Eindruck tiefgreifender Veränderungen in unserer Welt umtreiben. Mit Themen, die die Menschen unserer Gesellschaft bewegen und helfen, wichtige Herausforderungen an unsere Zukunftsgestaltung zu meistern: Mensch sein und Mensch bleiben in schwierigen Zeiten. Die Vorträge stehen unter dem Motto „Europas Vermächtnis – Standortbestimmung einer Wertegemeinschaft“.

In einer Welt des Aufruhrs und der Drohung global auseinandergehender Wertevorstellungen wollen wir uns auf gemeinsame Grundwerte besinnen: Freiheit, Menschenrechte, Aufklärung, Toleranz und Humanität, christliche Ethik und Demokratie. Darüber hinaus geht es um die Emanzipation der Menschen während der Renaissance und der Reformation sowie im Zeitalter der Aufklärung.

Die Vorträge werden aufgezeichnet und sind in unserer Mediathek zu finden:

Das Team der MAHLE-­STIFTUNG









Das Antragsportal der MAHLE-STIFTUNG ist online!

Wer ein Projekt fördern lassen möchte, braucht gute Ideen – und geduldig Briefmarken kleben musste man dafür bislang auch. Doch ab sofort ist das Geschichte: Die MAHLE-STIFTUNG hat ihr neues Online-Antragsportal gestartet, und Förderanträge lassen sich nun vollständig digital einreichen. Kein Papierstapel, kein Gang zur Post, kein Warten auf Rücksendungen.

Schritt für Schritt zum fertigen Antrag

Nach einer einmaligen Registrierung werden Antragstellende Schritt für Schritt durch das Online-Formular geführt. Wer zwischendurch pausieren möchte, kann den Antrag jederzeit speichern und zu einem anderen Zeitpunkt weiterbearbeiten. Wenn alle Pflichtfelder ausgefüllt sind und der Antrag in der gewünschten Form vorliegt, genügt ein Klick auf „Absenden“ – und die MAHLE-STIFTUNG bereitet den Antrag für die Entscheidung im Gremium vor. Nach der Einreichung bleibt der Antrag im Portal einsehbar, und Antragstellende behalten jederzeit den Überblick über ihre Antragshistorie.

Der Blick nach vorn

Das neue Portal ist erst der Anfang: Perspektivisch soll es zu einem umfassenden Förderportal weiterentwickelt werden, das alle Verwaltungsschritte von der Antragstellung bis zum Projektabschluss digital abbildet. Damit setzt die MAHLE-STIFTUNG konsequent auf moderne Prozesse – im Dienst der Projekte und ihrer Fördernehmerinnen und -nehmer.

Hinweis: Trotz sorgfältiger Vorbereitung kann es beim Start eines neuen Systems an der einen oder anderen Stelle noch ruckeln. Das Team der MAHLE-STIFTUNG steht bei Fragen, Unklarheiten oder technischen Schwierigkeiten jederzeit gerne zur Verfügung.

Die MAHLE-STIFTUNG in Zahlen



A: Statistik

Positiv beschiedene Anträge
121
In den Stiftungsgremien beratene Anträge
184
Förderanfragen (mündlich und schriftlich)
ca. 550



Zuwendungen 2025 im Überblick

Hauptförderbereich Gesundheitswesen

Filderklinik gGmbH
1.500.000,00 €
Verein Filderklinik e. V.
2.500.000,00 €
Andere Antragsteller
100.000,00 €
Summe
4.100.000,00 €



Weitere Förderbereiche

Jugendhilfe
35.000,00 €
Erziehung, Volks- und Berufsbildung
2.125.979,00 €
Wissenschaft und Forschung
744.000,00 €
INSTITUTO MAHLE, Brasilien
1.397.831,00€
Summe
4.302.810,00 €


Gesamtsumme
8.402.810,00 €





Bericht zum Geschäftsverlauf 2025

Das Jahr 2025 war für die MAHLE-STIFTUNG erneut eines mit wachsender Intensität – sowohl auf der Projektseite als auch in der eigenen Organisation.

Formwechsel und neue Satzung

Ein wichtiges Thema war in diesem Jahr die Arbeit an einem Wechsel der Rechtsform der MAHLE-STIFTUNG, um die Risiken einer Stiftungs-GmbH – die insbesondere für die Gesellschafter persönlich bestehen – zu vermeiden. Hier stand die Gründung einer Stiftung bürgerlichen Rechts und die Übertragung der Anteile der MAHLE-STIFTUNG GmbH an der MAHLE GmbH auf diese Stiftung im Zentrum.

Der entsprechende Beschluss zum Beginn der Arbeiten an der Umsetzung wurde 2025 durch die Gesellschafter der MAHLE-STIFTUNG GmbH gefasst. Damit wird eine Neufassung der bisherigen Satzung, die seit der Gründung im Jahr 1964 nahezu unverändert geblieben war, im Rechtskleid der Stiftung bürgerlichen Rechts notwendig: Parallel dazu müssen auch die Compliance-Vereinbarungen innerhalb der Stiftung neu gefasst werden. Beide Vorhaben sind weit fortgeschritten, aber noch nicht vollständig abgeschlossen. Unser Ziel ist es, den Formwechsel bis Ende 2027 vollständig abzuschließen.

Förderarbeit unter wachsendem Druck

Dank einer erfreulichen Dividende von 8 Mio. Euro für das Geschäftsjahr 2025 konnten wir unsere Förderaktivitäten in befriedigender Weise fortführen. Allerdings standen wir – wie die gesamte Gesellschaft – vor erheblichen Herausforderungen: In Deutschland und weltweit mehren sich die Krisen, und damit steigen auch die Erwartungen an Förderinstitutionen. Die Zahl der Anträge blieb im Vergleich zum Vorjahr in etwa konstant, doch die Situation hinter den Zahlen hat sich verändert: Weniger Projekte wurden gefördert, die bewilligten Beträge fielen durchschnittlich höher aus – ein Zeichen dafür, dass Förderpartner sich in zunehmend schwierigen Lagen befinden und tiefgreifende Unterstützung benötigen. Die MAHLE-STIFTUNG kann und wird nicht alle Nachfragen erfüllen können. Diese Enge wird uns in den kommenden Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter begleiten.

Die Filderklinik: Verantwortung und Neubauplanung

Die MAHLE-STIFTUNG hält einen Anteil von 70 Prozent an der Filderklinik gGmbH in Filderstadt – und besitzt damit auch eine hohe Mitverantwortung für deren Zukunft. Die deutsche Krankenhauslandschaft befindet sich in einer strukturellen Krise: Kaum ein Haus schreibt noch schwarze Zahlen, Verluste häufen sich branchenweit. Kommunale Träger können Defizite zumindest teilweise über Steuergelder auffangen; frei-gemeinnützige Häuser wie die Filderklinik haben diese Option nicht. In den vergangenen Jahren hat die MAHLE-STIFTUNG die Klinik mit überdurchschnittlich hohen Mitteln unterstützt.

Hinzu kommt eine strategische Weichenstellung: Nach 50 Jahren Betrieb muss die Filderklinik grundlegend erneuert werden. Die Abwägung zwischen umfassender Sanierung und Neubau ist inzwischen zugunsten des Neubaus ausgefallen – der wirtschaftlich sinnvollere Weg, um die Arbeit der Klinik auf hohem Niveau auch in der Zukunft zu ermöglichen.

Geschichte der Stiftung: mehr als Förderarbeit

In den vergangenen Jahren ist das Interesse an der Geschichte der MAHLE-STIFTUNG merklich gewachsen – und mit gutem Grund. Die Motive der Stifter Hermann und Dr. Ernst Mahle gingen weit über die reine Förderung gemeinnütziger Projekte hinaus: Ihr Anspruch war es, ein Modell zu schaffen, das exemplarisch zeigt, wie mit unternehmerischem Eigentum verantwortungsvoll umgegangen werden kann. Nach und nach wurden die Akten der Stiftungsgründung zusammengetragen und wiederentdeckt – ein Schatz, der es lohnt, eingehend erforscht zu werden. Ein entsprechendes Forschungsprojekt ist in Planung.

Digitalisierung, Feinstoff Festival und Brasilien

Die Digitalisierung interner Prozesse schreitet kontinuierlich voran – nicht zuletzt dank des engagierten Einsatzes unserer Mitarbeiterinnen, denen an dieser Stelle ausdrücklich gedankt sei. Antragstellerinnen und Antragsteller profitieren bereits davon: Online-Anträge sind möglich und werden künftig zur Regel werden. Das weitgehend papierlose Büro bleibt ein erklärtes Ziel.

Ein besonderes Ereignis des Jahres war das Feinstoff Festival anlässlich des 60-jährigen Förderjubiläums der Stiftung. Rund 2.000 Besucherinnen und Besucher erlebten über mehrere Tage hinweg in der Kirche St. Maria im Zentrum Stuttgarts ein vielfältiges Programm, das sich dem Thema „Engel“ auf unterschiedlichsten Ebenen widmete. Ein Videomitschnitt ist in unserer Mediathek abrufbar.

Besondere Freude bereitet uns auch die wachsende Nähe zur Partnerorganisation INSTITUTO MAHLE in São Paulo, über die und mit der wir unsere Förderaktivitäten in Brasilien gestalten. Diese Partnerschaft hat sich so vertieft, dass wir den vorliegenden Geschäftsbericht erstmals gemeinsam erarbeitet haben – ein Format, das wir fortführen möchten, weil es das Gesamtspektrum der MAHLE-STIFTUNG sichtbarer macht als bisher.

Auch unsere Vortragsreihe im Alten Schloss Stuttgart fand wiederum regen Zuspruch. Wer eine Veranstaltung verpasst hat, kann sie in unserer Mediathek nachverfolgen – die Referentinnen und Referenten sind durchweg herausragende Stimmen ihres jeweiligen Fachgebiets.

Die Zahlen in Kürze

Mit einem Anteil von 99,9 Prozent an der MAHLE GmbH ist die MAHLE-STIFTUNG GmbH Hauptgesellschafterin der MAHLE GmbH und damit des MAHLE Konzerns. Der Buchwert der Beteiligung beläuft sich auf 273.549.354,72 Euro. Die Stimmrechte werden vom MABEG – Verein zur Förderung und Beratung der Mahle-Gruppe e. V. wahrgenommen, dem zweiten Gesellschafter der MAHLE GmbH.

Für das Geschäftsjahr 2025 erhielt die MAHLE-STIFTUNG GmbH von der MAHLE GmbH eine Dividende in Höhe von 8.000.000,00 Euro. Zinsen und ähnliche Erträge aus der kurzfristigen Anlage zweckgebundener Finanzmittel beliefen sich auf 61.589,88 Euro. Die Software – Stiftung, Darmstadt, stellte 2025 eine Spende in Höhe von 575.000,00 Euro für gemeinnützige Zwecke in Brasilien zur Verfügung, die ungekürzt an das INSTITUTO MAHLE weitergeleitet wurde.

Überraschend in den Zahlen ist vielleicht für die Leserin/den Leser der ausgewiesene Bilanzgewinn in Millionenhöhe. Durch einen Wechsel im Verfahren zur Bildung bzw. Anpassung von projektbezogenen Rücklagen, die wir in vielen vergangenen Jahren zu Anfang eines Jahres für das Vorjahr durchführten, diesmal aber nicht, ist diese hohe Zahl entstanden. Die Bildung von projektbezogenen Rücklagen werden wir ab jetzt grundsätzlich in der ersten Gesellschafterversammlung der MAHLE-STIFTUNG GmbH im Folgejahr durchführen. Damit wird der hohe Bilanzgewinn zum Ende 2025 im April 2026 durch Beschluss der Gesellschafterversammlung in notwendigen projektbezogenen Rücklagen aufgehen.

Insgesamt konnten im Jahr 2025 Förderungen für gemeinnützige Projekte im Umfang von 8.402.810,00 Euro bewilligt bzw. beschlossen werden. Dafür danken wir der Mitarbeiterschaft und der Leitung des MAHLE Konzerns herzlich – ihr Einsatz ist die Grundlage unserer Arbeit.







INSTITUTO MAHLE

Das Team des INSTITUTO MAHLE

INSTITUTO MAHLE in Zahlen

In seinen 18 Jahren hat das INSTITUTO MAHLE 1.195 Initiativen, Projekte und Programme von 250 gemeinnützigen Organisationen in 160 Städten in 21 brasilianischen Bundesstaaten beraten, unterstützt und begleitet.

Anzahl geförderter Projekte nach Aktivitätstypen

Die Fördertätigkeit des INSTITUTO MAHLE ist auf ein klares Ziel ausgerichtet: anthroposophische Praktiken für jene zugänglich zu machen, die sich diese sonst nicht leisten könnten. Was einst nur einer privilegierten Minderheit vorbehalten war, soll durch das INSTITUTO MAHLE vielen Menschen offenstehen.

Bericht zum Geschäftsverlauf des INSTITUTO MAHLE 2025

Für 2025 hatte sich das INSTITUTO MAHLE ein klares Ziel gesetzt: die Unterstützung von sozial besonders benachteiligten Menschen zu intensivieren – jener Menschen also, die nicht nur mit vielen Entbehrungen leben, sondern sich darüber hinaus weder anthroposophische Gesundheitsversorgung noch biodynamische Lebensmittel noch den Besuch einer Waldorfschule leisten könnten. Die Daten der 2025 geförderten Projekte zeigen: Das Ziel wurde erreicht.

Diese Ausrichtung ist im brasilianischen Kontext von besonderer Bedeutung: Das Land ist von tiefer sozialer Ungleichheit geprägt und viele Menschen haben keine Möglichkeit zur Deckung grundlegender Bedürfnisse.

Die Lage der brasilianischen Bevölkerung ist das Erbe eines Kolonialsystems, das über weite Strecken der Geschichte des Landes indigene Völker und aus Afrika verschleppte Menschen als Sklaven ausbeutete. Aus dem Bewusstsein dieser Geschichte heraus und aus dem Willen zu einer gerechteren, gleicheren und humaneren Welt hat die Leitung des INSTITUTO MAHLE die Demokratisierung des Zugangs zur Anthroposophie in Brasilien zur Priorität erklärt. 2025 war diese Haltung deutlich in den Ergebnissen spürbar: 85 Prozent der erreichten Menschen gehörten sozial benachteiligten Gruppen an, mehrheitlich (64 Prozent) Schwarze und indigene Personen. Das bestätigt auch ein Blick auf die Haushaltseinkommen: Die Mehrheit dieser Familien lebt von maximal drei Mindestlöhnen – umgerechnet rund 4.500 Reais im Monat, ein Betrag, der für eine Familie kaum zum Leben reicht.

Bemerkenswert ist auch die hohe Zahl der im Bildungsbereich geförderten Projekte: 36 wurden bewilligt, davon 17 mit Schwerpunkt auf Berufsausbildung, 18 mit pädagogischen/künstlerischen Aktivitäten und 1 Projekt im Forschungsbereich. Das zeigt, welche Kraft die Waldorfpädagogik in Brasilien heute hat – ein Ansatz, dem bereits 250 Einrichtungen in 20 brasilianischen Bundesstaaten folgen.

Impressum



Herausgeber

MAHLE-STIFTUNG GmbH Leibnizstraße 35 70193 Stuttgart Telefon: +49 711 6566169-0 E-Mail: info@mahle-stiftung.de Internet: www.mahle-stiftung.de

INSTITUTO MAHLE R. Jaceru, 225 – Vila Gertrudes São Paulo – SP 04705-000 Telefon: +55 11 2663 2590 E-Mail: contato@institutomahle.org.br Internet: www.institutomahle.org.br



Konzept, Gestaltung und Realisierung

Redaktion

Antal Adam, Beatrice Essig, Jürgen Schweiß-Ertl Manuela Lopes, Fernanda Abucham, Teresa Rocha

Konzeption, Design und Realisierung

pulsmacher GmbH, Ludwigsburg

Texte

Antal Adam, Stuttgart



Bildrechte

Editorial
MAHLE-STIFTUNG
Grußwort
MAHLE GmbH
Gesellschafter und Beraterkreis
MAHLE-STIFTUNG Oliver Willing von Tanja Muennich
Feinstoff Festival
Johannes Ocker © VG Bild, Bonn 2025
Wo sich Unternehmergeist und Heilkunst begegnen
Filderklinik gGmbH
50 Jahre Filderklinik
Filderklinik gGmbH
Die Filderklinik im Wandel
Filderklinik gGmbH, Silicya Roth
Sichtbar machen, was die Gesellschaft übersieht
INSTITUTO MAHLE Archive
Von der Genbank zum Gemüsebeet
Hubertus Schmid, Die Vielfaltsgärtner
Von Furcht zu Respekt
INSTITUTO MAHLE Archive
Wenn der Kuhstall zum Klassenzimmer wird
Loheland-Stiftung
Waldorf für Alle
INSTITUTO MAHLE Archive
Wenn der Hörsaal in die Favela kommt
INSTITUTO MAHLE Archive
Wo die Erde wieder atmen lernt
Kufunda Team
Ankommen dürfen
Freie Waldorfschule Kassel
Die Poesie des Werden
INSTITUTO MAHLE Archive
BUNT
P. Frankenstein/H. Zwietasch, Landesmuseum Württemberg, Anke Hummel-Franzen, Annika Schulze
Die Stimme der Steine
Buna Eurythmie Ensemble
Ortsgespräch mit Manuela Lopes
Manuela Lopes, Murundu Community Association
Die ÜBERMORGENMACHER
Screenshots @uebermorgenmacher
Lebenslinien im Zeitenwandel
bortecristian envato elements, H. Zwietasch, Landesmuseum Württemberg
Das Team der MAHLE-STIFTUNG
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