Wenn ein Kind an Krebs erkrankt, ist das eine Bewährungsprobe für die Hochleistungsmedizin – und für alle, die das Kind begleiten. An einer Spezialklinik in Brasilien entsteht etwas, das es in dieser Form noch kaum gibt: Die Kinderonkologie öffnet sich für die Anthroposophische Medizin und verbindet Schulmedizin, Pädagogik und Kunst zu einem erweiterten Blick auf das kranke Kind.
Das Instituto Nacional do Câncer (INCA) in Rio de Janeiro ist ein Krankenhaus der höchsten Versorgungsstufe: Hier geben evidenzbasierte Medizin und durchstrukturierte Leitlinien den Takt vor. Und doch hat die Kinderonkologie über die Jahre einen Weg eingeschlagen, der über das rein Medizinische hinausweist – einen Weg, der das Kind und seine Familie als Ganzes in den Blick nimmt.
Der Gedanke, die Anthroposophische Medizin zu integrieren, eröffnet uns neue Möglichkeiten – strukturiert und im Einklang mit unserer klinischen Praxis.
Dr. Sima Ferman
Genau hier setzt auch ein Vorhaben an, das seit 2022 Gestalt annimmt. Es will das bewährte Behandlungsmodell nicht ersetzen, sondern erweitern – um ein umfassenderes Verständnis des Menschen, das seine körperlichen, seelischen, sozialen und biografischen Seiten ernst nimmt. „Der Gedanke, die Anthroposophische Medizin zu integrieren, führt diesen Ansatz konsequent weiter. Er eröffnet uns neue Möglichkeiten – strukturiert und im Einklang mit unserer klinischen Praxis“, sagt Dr. Sima Ferman, Leiterin der Kinderonkologie.
Den erweiterten Blick wagen
Hinter dem Projekt steht Dr. Nilene Alvim Gouvêa, seit 2007 als Intensivmedizinerin am INCA tätig. Ihre Ausbildung in Anthroposophischer Medizin hat ihr ärztliches Selbstverständnis von Grund auf verändert. „Man beginnt, den Blick auf den Menschen so zu weiten, dass es unmöglich wird, diese Sicht nicht in alle Lebensbereiche zu tragen – im Beruf erst recht“, sagt sie. Was als ehrenamtliche Initiative neben ihrer eigentlichen Arbeit begann, gewann allmählich an Kontur; mit der Unterstützung des INSTITUTO MAHLE konnte es sich schließlich verstetigen.
Anthroposophische Medizin als „DNA“ der Versorgung
Anders als an Häusern, die einzelne komplementäre Angebote eher lose nebeneinanderstellen, strebt das INCA eine enge Verzahnung aller Bereiche an. Das Programm ruht auf drei Säulen, die einander bedingen: einer erweiterten klinischen Versorgung samt anthroposophischer Heilmittel; der Waldorfpädagogik, die mit Rhythmus und altersgerechten Aktivitäten die Kinder und Jugendlichen während des Klinikaufenthalts stärkt; sowie Kunsttherapie und Pflege – etwa durch künstlerisches Arbeiten und die Rhythmische Einreibung, die Gleichgewicht, Geborgenheit und Wohlbefinden fördern und die Nebenwirkungen der konventionellen Behandlung mildern.
„Wir möchten, dass die Anthroposophische Medizin zur DNA der Kinderonkologie wird“, erklärt Dr. Nilene. „Es geht nicht darum, eine weitere Methode hinzuzufügen, sondern den Blick auf das Kind, die Jugendlichen und ihre Familien zu weiten – und das im gesamten multidisziplinären Team: Ärztinnen und Ärzte, Pflegende, Physiotherapeutinnen und -therapeuten, Ernährungsfachleute, Lehrkräfte.“
Es geht nicht darum, eine weitere Methode hinzuzufügen, sondern den Blick auf das Kind, die Jugendlichen und ihre Familien zu weiten – und das im gesamten multidisziplinären Team: Ärztinnen und Ärzte, Pflegende, Physiotherapeutinnen und -therapeuten, Ernährungsfachleute, Lehrkräfte.
Dr. Nilene Alvim Gouvêa
Von innen heraus gestaltet
Bemerkenswert ist, wie das Projekt dabei vorgeht. Statt vor allem auf externe Fachleute zu setzen, sollen die eigenen Teams ausgebildet werden, damit sich die Kultur des Hauses von innen heraus wandelt. Ärztinnen und Ärzte – auch in der Weiterbildung – lernen den erweiterten Blick kennen, Pflegende werden in äußeren Anwendungen geschult, und nach und nach findet die anthroposophische Haltung Eingang in den Stationsalltag.
„Wir bauen ein Fundament“, sagt Dr. Nilene. „Die Idee ist, dass die Anthroposophische Medizin nicht bloß angewandt, sondern vom Team verstanden und als Teil der Versorgung verinnerlicht wird.“
Pädagogik als heilende Kraft
Eine besondere Rolle spielt die Bildung – gerade dort, wo Kinder und Jugendliche durch Krankheit und Klinikalltag Teile ihrer Identität zu verlieren drohen. Das Projekt möchte daher eine in der Waldorfpädagogik erfahrene Lehrkraft gewinnen, die gemeinsam mit den beiden bereits tätigen Lehrerinnen der Krankenhausklasse arbeitet, um Entwicklung, Rhythmus und Ausdruckskraft der jungen Patientinnen und Patienten zu bewahren. „Wie sollten wir die Selbstheilungs- und Entwicklungskräfte eines Kindes stärken, ohne die Pädagogik einzubeziehen?“, fragt sie. „Diese Verbindung ist für eine wirklich umfassende Versorgung unverzichtbar.“
Besonders deutlich wird das an den Übergängen. „Das Kind oder die Jugendliche, die zu uns kommt, wird in ihrer Ganzheit angenommen“, sagt Dr. Nilene. „Die Versorgung endet nicht mit der Behandlung – sie reicht bis in die Nachsorge, die Rückkehr in die Schule, die Begleitung beim Verlassen der Klinik und, wo nötig, bis in die Trauerbegleitung der Familie.“
Die Versorgung endet nicht mit der Behandlung – sie reicht bis in die Nachsorge, die Rückkehr in die Schule, die Begleitung beim Verlassen der Klinik und, wo nötig, bis in die Trauerbegleitung der Familie.
Dr. Nilene Alvim Gouvêa
Eine Saat, die aufgehen soll
Noch festigt das Projekt seine Grundlagen, mit Bedacht und ohne Eile. Doch die Perspektive reicht weiter: Auf Dauer könnte der Ansatz in das gesamte pädiatrische Versorgungsnetz des Hauses einfließen – als strukturiertes und womöglich übertragbares Modell. „Wir pflanzen eine Saat“, so die Ärztin. „Wenn sie kräftig wird, kann sie Früchte tragen und andere Orte inspirieren.“
So geht es am INCA um mehr als die Behandlung einer Krankheit: Es geht darum, die Entwicklung und die Lebensgeschichte der Kinder, Jugendlichen und Familien mitzutragen, die diese schwere Erfahrung durchleben.
Ein fünfjähriges Kind steht vor einem Baum. Es prüft die Höhe, tastet den Stamm, legt die Finger in die Rillen der Rinde – und beginnt zu klettern. Was wie Spiel aussieht, ist ein hochkomplexer Vorgang: körperlich, emotional, erzählerisch. In Brasilien haben Erzieherinnen und Erzieher zwei Jahre lang solche Szenen beobachtet. Am Ende hatten sich nicht nur die Kinder verändert, sondern vor allem sie selbst.
Beobachten, um zu sehen
Am Anfang stand eine schlichte Frage: Was tun Kinder, wenn man sie frei in einem Baum gewähren lässt? Auf Einladung der Pädagogin Sandra Eckschmidt machten sich rund 35 Erzieherinnen und Erzieher aus Waldorfkindergärten in ganz Brasilien auf, ihr nachzugehen – zwei Jahre lang, Monat für Monat, im gemeinsamen Teilen von Beobachtungen, Eindrücken und Entdeckungen. Anlass war ein doppeltes Jubiläum: 100 Jahre Waldorf-Kleinkindpädagogik weltweit, 70 Jahre in Brasilien.
Ihre Methode war die goetheanistische, phänomenologische Beobachtung – ein Sehen im Geist jener teilnehmenden Naturwissenschaft, die Johann Wolfgang von Goethe vorschwebte: dem Phänomen zugewandt, ohne die Eile, es sogleich zu ordnen oder zu erklären. In der Praxis hieß das etwas beinahe Radikales: innehalten. Aus dem Lärm des pädagogischen Alltags heraustreten und einfach wahrnehmen. Eine Pflanze, die zu wachsen beginnt. Ein Kind, das klettert. Einen Augenblick, der sich entfaltet.
Passgenau
Ein Motiv zog sich durch alle Beobachtungen: das der Passung. In ganz verschiedenen Schulen wurde dieselbe Situation beobachtet – der kindliche Körper scheint für den Baum gemacht. Die Füße suchen Halt, die Hände umfassen den Stamm, und intuitiv streift ein Kind die Gummistiefel ab, um die Rinde besser zu spüren. „Wenn ich sehe, wie die Hand sich in den Stamm fügt, denke ich: Was für eine vollkommene Passung“, erzählt die Erzieherin Joselaine Fucks. „Zu sehen, wie der kindliche Körper sich formt, wie er diesem Baum-Körper begegnet – das war ein Geschenk.“
Zu sehen, wie der kindliche Körper sich formt, wie er diesem Baum-Körper begegnet – das war ein Geschenk.
Joselaine Fucks
Doch beim Klettern geht es um mehr als um Körperkraft. Jeder Baum, so entdeckten die Beteiligten, ist eine Welt für sich, ein Kosmos von Geschichten, die ohne Drehbuch und ohne Regie der Erwachsenen entstehen: Freiheit in ihrer reinsten Form. Am meisten aber überraschte die Forschenden eine andere Einsicht – wie sehr der Blick der Erwachsenen das Verhalten der Kinder prägt. „Ich musste erst Sicherheit in meinem eigenen Blick gewinnen“, sagt die Erzieherin Leticia Ferreira. „Und erst als ich sie hatte, verletzten sich die Kinder seltener. Was sich in mir veränderte, gab auch ihnen Vertrauen.“
Was sich in den Erwachsenen wandelte
So wurde aus einem Forschungsprojekt eine Übung in Selbstverwandlung. Die Gruppe bildete, was eine der Teilnehmenden eine „Egregore“ nannte – ein gemeinsames Kraftfeld, in dem Menschen aus weit entfernten Regionen dieselben Beobachtungen machten, jede im eigenen regionalen „Gewand“ und doch alle an etwas Allgemeingültiges rührend. „Es ist, als wären wir eingeschlafen gewesen, und plötzlich tritt etwas vor uns hin“, beschreibt die Erzieherin Amanda Hipólito diese neue Wachheit. „Diese Präsenz, die das Beobachten verlangt, weckt die Dinge vor uns auf.“
Wie fruchtbar dieser Blick sein kann, zeigte sich, als in den Ferien ein Sturm einige Bäume umwarf. Die Erwachsenen sorgten sich um den Verlust – die Kinder verwandelten das Ende in einen Anfang. „Ein toter Baum schenkte neuen Spielen das Leben, und durch diese Spiele gaben die Kinder dem Baum das Leben zurück“, erzählt Hipólito. Im Wald sei ohnehin schon alles da, als Segen, als Gabe: „Wir bieten es an und vertrauen darauf, dass das Kind entdecken wird, was es entdecken muss.“
Ein toter Baum schenkte neuen Spielen das Leben, und durch diese Spiele gaben die Kinder dem Baum das Leben zurück.
Hipólito
Der Film
Damit diese Erfahrung nicht bei den 35 Erziehenden blieb, hielten Renata Meirelles und David Vêluz sie im Dokumentarfilm „Kinder und Bäume“ (Crianças e Árvores) fest – die spielenden Kinder ebenso wie den sich wandelnden Blick der Erwachsenen. Gezeigt wurde er im April bei der Weltkonferenz zur frühen Kindheit im schweizerischen Dornach; im Juli feierte er beim 7. Brasilianischen Kongress für Waldorfpädagogik in Florianópolis Premiere. Über Streamingplattformen wird er nun einem breiten Publikum zugänglich und ist hier exklusiv vorab zu sehen:
Am Ende ist der Film eine Einladung an uns alle, noch einmal hinzusehen – mit mehr Zeit, mit mehr Präsenz.
Renata Meirelles
„Jede Beobachtung, ob die einer Pflanze oder eines Kindes, verändert uns“, erzählt uns Regisseurin Renata Meirelles. „Beobachten ist ein Geschenk und ein sehr aktiver Weg der Selbstverwandlung. Genau das haben Kinder von uns verdient.“ Am Ende ist der Film eine Einladung an uns alle, noch einmal hinzusehen – mit mehr Zeit, mit mehr Präsenz. Und zu entdecken, was, wie diese 35 Erzieherinnen und Erzieher, immer schon da war: direkt vor unseren Augen.
Eine Kinderärztin aus Prag, eine Ausbilderin aus Graz und eine kleine Gruppe entschlossener Medizinerinnen und Therapeutinnen haben etwas Ungewöhnliches gewagt: die Rhythmische Massage-Therapie nach Dr. Ita Wegman neu zu verwurzeln – nicht als Alternativmedizin, sondern als integralen Bestandteil moderner klinischer Praxis.
Dr. med. Kateřina Kraťuková ist Kinderärztin und Neurologin am Kreiskrankenhaus Hořovice, einer konventionellen Klinik zwischen Prag und Pilsen. Wer sie nach den Anfängen fragt, bekommt eine Antwort, die weit in ihre Kindheit zurückreicht: Beide Elternteile waren Ärztin und Arzt, beide in der anthroposophischen Medizin beheimatet. Medizin zu studieren – das stand für sie früh fest. Doch im dritten Studienjahr spürte sie, dass ihr das rein intellektuelle Studium des Körpers nicht reichte.
Ich habe persönlich gesucht, die Prozesse im Körper nicht nur kognitiv zu verstehen, sondern anders wahrzunehmen und anders beobachten zu lernen – und damit auch anders zu heilen.
Dr. med. Kateřina Kraťuková
„Ich habe persönlich gesucht, die Prozesse im Körper nicht nur kognitiv zu verstehen, sondern anders wahrzunehmen und anders beobachten zu lernen – und damit auch anders zu heilen“, erinnert sie sich. Die Rhythmische Massage wurde für sie zu einem Schlüssel: einerseits als diagnostisches Instrument, das Wärmeverteilung, Atmung und Durchblutung unmittelbar fühlbar macht; andererseits als therapeutisches Werkzeug, das Medikamente und Gespräch sinnvoll ergänzt. Studiert hat sie die Methode an der Ita Wegman Akademie Steiermark in Graz, bei Charlotte Allmer, die die Schule dort seit zehn Jahren leitet.
Eine Initiative, ein Krankenhaus, eine Pionierleistung
Zurück in Prag, fand Kraťuková unter Kolleginnen und Kollegen ein Interesse, das sie so nicht erwartet hatte. 2017 gründete sich die gemeinnützige Initiative „Iniciativa pro vzdělávání v rytmické masáži“ (Initiative zur Ausbildung in der Rhythmischen Massage). Den ersten Kurs starteten zwölf Personen: Ärztinnen und Ärzte, Pflegende, Therapeutinnen und Therapeuten. Um ihn zu ermöglichen, wurde Charlotte Allmer mit der Ita Wegman Akademie Steiermark nach Prag eingeladen – eine grenzüberschreitende Begegnung, die das Bündnis zwischen tschechischer Initiative und österreichischer Expertise dauerhaft prägen sollte.
Für mich war von Anfang an wichtig, dass das nicht alternativ geht, sondern wirklich Hand in Hand mit der Medizin – als echte Erweiterung.
Dr. med. Kateřina Kraťuková
Was die Prager Initiative von Beginn an unterscheidet, ist ein klares Selbstverständnis: Die Rhythmische Massage soll nicht neben der konventionellen Medizin stehen, sondern in ihr wirken. „Für mich war von Anfang an wichtig, dass das nicht alternativ geht, sondern wirklich Hand in Hand mit der Medizin – als echte Erweiterung“, betont Kraťuková. Alle Kursteilnehmenden haben eine medizinische Grundausbildung; wer keine ärztliche Approbation besitzt, hat mindestens eine anerkannte Ausbildung in medizinischer Massage.
Diese Überzeugung hat Konsequenzen für die klinische Realität. Am Krankenhaus Hořovice entstand unter Kraťukovás Federführung ein Pilotprojekt zur integrativen Pädiatrie – ein in Tschechien bislang einzigartiges Vorhaben, das komplementäre Therapiemethoden, allen voran die Rhythmische Massage, systematisch in die Kinder- und Jugendheilkunde integriert. Der Anstoß kam aus einem konkreten Mangel: Während der COVID-Pandemie häuften sich psychosomatische Störungen bei Kindern und Jugendlichen dramatisch, während Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie hoffnungslos überlastet waren. „Die Rhythmische Massage war dort wirklich wie eine Rettung für diese Kinder“, sagt Kraťuková – und fügt hinzu: „Weil wir einen Weg gefunden haben, das Individuelle, das Somatische und das Seelische gemeinsam anzuschauen.“
West trifft Ost
Im zweiten Ausbildungsdurchgang weitete sich die Initiative über Tschechiens Grenzen hinaus: Fünf Teilnehmende kamen aus Israel nach Prag. Vier Sprachen – Tschechisch, Englisch, Hebräisch und Deutsch – prägten die Seminare. Eine Teilnehmerin schrieb im Projektbericht: „Zwei Nationen zu verbinden und gleichzeitig in drei Sprachen zu studieren, war eine Herausforderung, aber auch eine Bereicherung. Hier sind Freundschaften entstanden, die sich in unserem Leben widerspiegeln.“
Diese interkulturelle Dimension ist kein Zufall: Charlotte Allmer sieht in Prag, dem historischen Begegnungsort von Ost und West, den idealen Ausgangspunkt für ein Projekt, das im Untertitel genau das verspricht: Ost und West verbinden.
Bis 2025 hat die Initiative zwei vollständige Ausbildungsdurchgänge abgeschlossen. Alle Teilnehmenden sind zertifiziert und tätig – in Kliniken, Praxen, Waldorfschulen und Einrichtungen für Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Elf ausgebildete Dozentinnen und Dozenten stehen bereit, künftige Kurse eigenständig zu begleiten. Zusätzlich hat die Gruppe die Rhythmischen Bewegungsbäder nach Dr. Ita Wegman studiert – eine Methode, die weltweit selten gelehrt wird. Im Juni 2025 organisierte die Initiative ein internationales Symposium in Prag, das Ausbildung, klinische Praxis und Wissenschaft zusammenbrachte.
Die nächste Etappe ist in Sicht: ein eigenständiger Ausbildungsgang, möglicherweise eine Institution, die Forschung, Lehre und klinische Arbeit unter einem Dach vereint. Was 2017 mit zwölf Menschen begann, hat sich zu einer interkulturellen Bewegung entwickelt, die zeigt: Integrative Medizin ist im Osten Europas nicht nur möglich – sie wird gebraucht.
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Wissen kompakt: Die Rhythmische Massage-Therapie nach Dr. Ita Wegman
Die Rhythmische Massage-Therapie (RMT) nach Dr. Ita Wegman ist eine spezialisierte Massageform aus dem Spektrum der Anthroposophischen Medizin. Im Unterschied zur klassischen Massage arbeitet die RMT mit sanften, fließenden, rhythmisch gestalteten Griffen, die das Gewebe verdichten und dann wieder lösen – ohne Druck. Dabei werden alle Gewebeschichten einschließlich Faszien, Sehnen und Bänder in die Tiefe erreicht.
Was bewirkt sie? | Der Rhythmus ist das heilsame Element: Die RMT regt die Selbstregulation des Organismus an, bringt Körperflüssigkeiten wieder in Fluss, vertieft die Atmung und löst Stauungen. Je nach Bedarf wirkt sie aktivierend oder beruhigend. Eine Behandlung dauert 25 bis 30 Minuten, auf die eine Nachruhe folgt. |
Typische Wirkungen: | Kraft und Energie · Harmonisierung · Lösung von Blockaden · vertiefte Atmung · Stärkung des Körperbewusstseins · Wiederherstellung des Seelengleichgewichts |
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Im Nordosten von Minas Gerais, zwischen ausgedörrtem Hinterland und dem Fluss, der der Region ihren Namen gibt, liegt das Jequitinhonha-Tal: einer der ärmsten Landstriche Brasiliens – und zugleich eine der lebendigsten Wiegen seiner Volkskultur. Wer dessen Geschichte erzählen will, muss bei den Frauen beginnen.
Eine Region im Schatten der Ungleichheit
Seit Jahrzehnten weisen die Kommunen des Tals einige der schlechtesten Sozialindikatoren des Landes auf. Armut zeigt sich hier nicht allein in niedrigen Einkommen, sondern in lückenhafter Gesundheitsversorgung, fehlenden Schulen, mangelnder Sanitärversorgung und unzureichendem Wohnraum. Wiederkehrende Dürren und der Mangel an Perspektiven vor Ort haben über Generationen hinweg dasselbe Muster erzeugt: Die Männer ziehen fort in die großen Städte, auf der Suche nach Arbeit – zurück bleiben ganze Familien in der Verantwortung der Frauen, von denen viele allein von dem leben, was ihre Felder hergeben.
In genau dieser Ausgangslage nahm der Verein Tingui 1999 seine Arbeit auf. Seither hat er nicht nur die Gemeinden verändert, in denen er wirkt, sondern auch das Leben der Frauen, die dort zu Hause sind.
Ein Kreislauf, der in der Erde beginnt
Sein Herzstück trägt einen beinahe poetischen Namen: „Kreislauf der lebendigen Baumwolle“. Das Vorhaben knüpft an eine Arbeit an, die das INSTITUTO MAHLE seit 2022 unterstützt. Bäuerinnen werden in biodynamischer Landwirtschaft geschult, um Bio-Baumwolle anzubauen – und zugleich in einer beinahe vergessenen Kunst: dem Spinnen. Rund 75 Frauen haben gelernt, die von ihren eigenen Feldern geerntete Baumwolle in Faden zu verwandeln.
Der nächste Schritt ergab sich fast von selbst. Der Faden sollte in die Hände jener Frauen gelangen, die das Handwerk längst beherrschen: der Stickerinnen von Curtume, der Weberinnen von Corim und der Häklerinnen. In diesen drei Gruppen finden sich rund 120 Frauen aus ländlichen und aus Quilombola-Gemeinschaften zusammen, den Nachfahrinnen einst versklavter Menschen. Die Idee dahinter ist so schlicht wie kraftvoll: altes Wissen wiederbeleben, die Abhängigkeit von industriell gefertigten Materialien verringern und einen ganzen Produktionskreislauf vor Ort schließen – vom Saatkorn bis zum fertigen Stück, durch die Hände von Bäuerinnen, Spinnerinnen und Kunsthandwerkerinnen.
Jede Gemeinschaft trägt ihr eigenes Wissen
Viviane Fortes, eine der Frauen an der Spitze von Tingui, beschreibt den Ausgangspunkt jedes Vorhabens mit einem einzigen Wort: Zuhören. Man beginne stets damit, den Erfahrungen und Träumen der Frauen in den Gemeinden Raum zu geben.
„Vor Kurzem erzählten mir die Weberinnen, wie ihre Mütter und Großmütter einst die Neugeborenen empfingen“, berichtet sie. „Wie sie die Kinder in die Welt einführten, was sie ihnen zum Einschlafen sangen, wie sie sie kleideten. In all dem lag so viel Schönheit und Zuwendung, dass die Welt davon erfahren musste.“
Über zwölf Monate hinweg haben drei erfahrene Weberinnen ihr Können weitergegeben; gemeinsam fertigten die Frauen Decken und Mützen. Die Musikgruppe Ribeirão de Areia arrangierte überlieferte Wiegenlieder für eine Aufnahme, und aus einer Partnerschaft mit einer öffentlichen Geburtsklinik erwuchs ein weiteres Vorhaben. 300 handgefertigte Decken und Mützen entstanden – bestimmt für die Mütter von Neugeborenen und begleitet von einem Buch, das die Geschichten, Bräuche und Lieder früherer Generationen bewahrt.
Wir haben eine Geste der Fürsorge für jene, die neu in die Welt kommen, mit einer Einkommensquelle für Frauen verbunden, die zuvor meist nie die Möglichkeit hatten, für ihre Arbeit bezahlt zu werden.
Viviane Fortes
„Wir haben eine Geste der Fürsorge für jene, die neu in die Welt kommen, mit einer Einkommensquelle für Frauen verbunden, die zuvor meist nie die Möglichkeit hatten, für ihre Arbeit bezahlt zu werden“, sagt Fortes.
Mehr als ein Ergebnis: ein Gefühl von Zugehörigkeit
Für das Team von Tingui steht mehr auf dem Spiel als die fertigen Stücke. Beim gemeinsamen Weben, Sticken und Häkeln vergewissern sich die Frauen ihrer Identität und ihrer Verbindung zum Land. In den eigenen Gemeinschaften entdecken sie ein Wissen, das längst Antworten für ein würdigeres Leben bereithält.
Die Arbeit ist mühsam: sieben Gemeinden, verteilt auf drei Kommunen, schwer zugänglich, weit auseinanderliegend. Und doch, sagt das Team, bewege sie nichts so sehr wie das, was jede einzelne Frau für sich selbst gewinnt.
Die größte Errungenschaft dieser Frauen liegt in dem, was sie über sich selbst herausgefunden haben – wer sie sind und, vor allem, wer sie noch werden können.
Viviane Fortes.
„Ich sage immer: Die größte Errungenschaft dieser Frauen liegt in dem, was sie über sich selbst herausgefunden haben – wer sie sind und, vor allem, wer sie noch werden können“, sagt Viviane Fortes.
So führt der „Kreislauf der lebendigen Baumwolle“ vor Augen, wie Tradition, Kultur, Fürsorge und Einkommen Hand in Hand gehen können – Faden für Faden.
Der Verein Tingui ist seit 1999 im Jequitinhonha-Tal aktiv und engagiert sich darüber hinaus in den Bereichen Agrarökologie, Gesundheit und lokale Kultur.
Mehr Informationen unter tingui.org oder Instagram: @mulheresdojequitinhonha oder @ribeiraodeareia.
Am Rand des Wendlands, am Hof Darzau, arbeitet die weltweit einzige rein ökologische Zuchtstation für Gerste. Was dort heranreift, stellt ein Getreide neu vor, das wir alle zu kennen glauben – und das weit mehr zu bieten hat, als das Bierglas vermuten lässt: Farben und Aromen, Speisen aus aller Welt und, für die Züchtenden, sogar innere Bilder.
Die einzige ihrer Art
Wer an Gerste denkt, denkt an Bier. Dr. Karl-Josef Müller denkt an sehr viel mehr. Seit 1986 hat der Getreidezüchter dieses Korn im Blick, und noch immer ist seine Station Cultivari im niedersächsischen Neu Darchau die weltweit einzige, die Gerste ausschließlich ökologisch bearbeitet. Neben ihr laufen auf dem Demeter-Betrieb zwar auch Zuchtprogramme für Weizen, Roggen, Hafer, Einkorn und Erbsen – doch die Gerste ist das Herzstück. Ihre Zucht klingt nach einer Nische, ist aber eine Mammutaufgabe. Denn wer auf chemische Beizen verzichtet, muss die Widerstandskraft gleich mit ins Korn hineinzüchten – gegen den Flugbrand zuerst, dann gegen Hartbrand, Streifenkrankheit und Netzflecken. Dazu kommen Standfestigkeit, ein wehrhaftes Vermögen, Beikraut zu unterdrücken, und selbstverständlich Ertrag und Qualität. In Darzau geschieht das ganz klassisch, mit Kreuzung, Auslese und langem Atem: Tausende kleiner Parzellen, Generation um Generation, bis in einer einzigen Linie zusammenfindet, was sonst verstreut liegt. Sorten wie die Speisegerste Pirona, die brau- und brenntaugliche Celtica oder die Winternacktgerste Katemina sind aus dieser Geduldsarbeit hervorgegangen.
Ein Korn mit vielen Gesichtern
Wer Gerste nur als Malz kennt, hat das Wenigste gesehen. In Darzau reifen violette, blaue und rotkörnige Sorten heran, deren Farbstoffen – Anthocyanen, Karotinoiden, Polyphenolen – positive gesundheitliche Wirkungen zugeschrieben werden. Es gibt Gersten mit den längsten Grannen, die möglich sind, und grannenlose; es gibt Kapuzengersten, bei denen sich die Ährenspitze eigentümlich nach innen kehrt – eine Form, der die anthroposophische Betrachtung eine sammelnde, der Aufmerksamkeit zugewandte Wirkung nachsagt. Und es gibt Typen, deren Stärke vom klebrigen Amylopektin bis zum blutzuckerfreundlichen Amylose-Reichtum reicht. Aus alldem lässt sich weit mehr machen als Bier: Grütze und Gerstenmalzsaft, Brot und alkoholfreie Getränke – und, wo es doch das Bier sein soll, sogar Whisky, denn die Braugerste Celtica taugt bis zur Destillation im Kupferkessel. Die Gerste habe dem Menschen weit mehr zu bieten als Bier, sagt Müller – was fehle, sei nicht die Vielfalt, sondern deren Sichtbarkeit im Regal, „damit die Gerste wieder mehr Wertschätzung erfährt“.
Was das Auge nicht sieht
„Denn was Innen, das ist Außen, doch das meiste sieht man nicht!“ Dieses Wort, frei nach Goethe, hat Müller über seine Arbeit gesetzt – und es führt mitten in ihren ungewöhnlichsten Teil. Denn in Darzau fragt man nicht nur, wie eine Gerste aussieht und schmeckt, sondern auch, welche „Bildekräfte“ in ihr wirken: jene formende, innere Qualität, die der anthroposophische Blick der Pflanze zuschreibt. Jeden Donnerstagnachmittag setzen sich Mitarbeitende und Gäste zusammen und üben, solche Feinheiten wahrzunehmen; im Zusammenspiel unterschiedlich veranlagter Sinne, so Müller, weite sich das Wahrnehmungsspektrum beständig. Dass es dabei nicht bleibt, zeigt ein Versuch mit der Heileurythmistin Uta Rebbe: An der Sorte Lawina wurden eurythmische Gesten ausgeführt – und in den Ernteproben fanden sich später, neben dem Sortentypischen, tatsächlich Spuren eben dieser Bewegungen wieder, so, wie Rudolf Steiner sie einst als „Charakter“ seiner Eurythmiefiguren beschrieben hat. Ob man dieser Deutung folgt oder nicht: Spürbar wird, dass hier mit großer Sorgfalt beobachtet wird, was sich der schnellen Messung entzieht.
Zwischen Dürre und Dauerregen
Die Natur macht es den Züchtenden nicht leicht, und der Klimawandel schreibt neue Kapitel. 2025 folgte auf die Aussaat erst wochenlange Trockenheit, dann, zur Erntezeit, kein Ende nehmender Regen – ein Wechselbad, das viele Linien an den Rand des Überlebens brachte, zugleich aber offenlegte, welche am besten damit zurechtkommen. Und aus dem Süden naht Neues: Der Schwarzrost, sonst in wärmeren Breiten zu Hause, wandert über die Alpen nordwärts. Ausgerechnet hier kam Darzau ein alter Schatz zugute – Gersten mit Widerstand gegen diesen Pilz, vor über 25 Jahren im Austausch mit einem kanadischen Züchter ins Sortiment gelangt und seither fast vergessen, nun plötzlich wieder gefragt. So arbeitet sich diese Züchtung voran, Rückschlag und Fortschritt im steten Wechsel, Jahr um Jahr. Wohin die Reise gehen kann, deutete zuletzt ein Brauversuch im Wendland an: Aus der Mischung zweier Darzauer Gersten entstand ein süßer, malziger Trunk, in dem – so das Team – viel von der Eigenart des Korns bis ins Glas erhalten blieb.
Wenige Hände, ein Welterbe
Bemerkenswert ist, von wie wenigen Händen diese weltweit einzigartige Arbeit getragen wird. Ein kleines Team hält in Darzau ein Sortiment lebendig, das anderswo längst verloren wäre – und ausgebildete Nachwuchszüchterinnen und -züchter zu finden, gehört zu den größten Sorgen des Hauses, gerade weil Patente und Gentechnik die Rahmenbedingungen nicht leichter machen. Umso mehr setzt Cultivari auf Verbündete: auf Landwirtinnen und Landwirte, die den farbigen Spezialgersten Äcker geben, auf Bäckereien und kleine Brauereien, die mit ihnen experimentieren, und auf ein Publikum, das die Gerste jenseits von Whisky und Bier wiederentdecken mag. Im Sommer 2026 war das Sortiment beim Nordischen Getreidefestival im dänischen Kalö zu sehen, mit Schauparzellen und einem Workshop zur Wahrnehmung der Bildekräfte. Solche Züchtung braucht vor allem eines: langen Atem – und Menschen, die ihn mitbringen. „Es bleibt noch manches zu tun“, sagt Müller. Wer die vielen Gesichter der Gerste selbst entdecken will, findet sie – und die, die sie hüten – bei Cultivari im Wendland.
Eine Förderung, die Früchte trägt
Die Züchtung von Saatgut gehört zu den frühesten Anliegen der MAHLE-STIFTUNG – schon in ihrem ersten Förderjahr 1965, lange vor Cultivari, unterstützte sie die Getreidezüchtung. Bis heute begleitet sie die vier großen Getreidezüchtungsinitiativen im deutschsprachigen Raum: neben Cultivari die Getreidezüchtung Peter Kunz, den Dottenfelder Hof und das Keyserlingk-Institut.
Karl-Josef Müllers Arbeit fördert die Stiftung seit 1994 und in den vergangenen rund zwanzig Jahren nahezu ohne Unterbrechung – zunächst die Bildekräfteforschung, dann erste Sortenprototypen bei Gerste, Weizen, Einkorn und Nackthafer, seit der Gründung von Cultivari 2019 die Gerste. Weil viele Jahre vergehen, ehe aus einer Idee eine zugelassene Sorte wird, versteht sich die Stiftung hier als verlässliche Partnerin über lange Zeit. Dass es heute zugelassene, ökologisch gezüchtete Sorten für Winterweizen und vor allem für die Sommergerste gibt, die dem biologisch-dynamischen Anbau offenstehen, ist auch ein Ergebnis dieser Beständigkeit.
Wissen kompakt: Die Gerste als Weltspeise
Lange bevor die Gerste zum Bier- und Whiskykorn wurde, war sie ein Grundnahrungsmittel rund um den Globus. In Tibet röstet man sie zu Tsampa, auf den Kanarischen Inseln zu Gofio, in Marokko wird sie zu Couscous, in Graubünden zu Giotta verarbeitet; in Äthiopien gedeiht sie in vielen bunten Sorten, in Japan dient sie als Reisalternative. Meist handelt es sich dabei um spelzenfrei dreschende Nacktgerste. Dort aber, wo die Gerste geschält werden musste, geriet ihre Verwendung als Speise fast in Vergessenheit – und aus dem Nahrungskorn wurde die Malzgerste, als die wir sie heute vor allem kennen.
Mehr Informationen unter cultivari.de
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Telefon: +49 711 65 66 169-0 Telefax: +49 711 65 66 169-29
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Antal Adam, Stuttgart
Redaktion
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