50 Jahre Filderklinik
Eine Stuttgarter Villa wird zu klein, zwei Brüder erkennen das Potenzial – und aus einem Traum entsteht eine der bedeutendsten anthroposophischen Kliniken Europas.
Es ist das Jahr 1963, als sich in einem kleinen Kreis engagierter Ärztinnen und Ärzte eine folgenreiche Idee zu formen beginnt. In einer Stuttgarter Villa praktiziert Dr. Walter Bopp seit Kriegsende eine Art Medizin, die weit über das übliche Maß hinausgeht. Seine internistische Klinik mit gerade einmal 40 Betten arbeitet nach den Prinzipien der anthroposophischen Medizin – jener von Rudolf Steiner begründeten Heilkunst, die den Menschen und seine Gesundheit als Einheit von Körper, Seele und Geist begreift.
Doch die bescheidenen Räumlichkeiten werden der wachsenden Nachfrage nicht mehr gerecht. Was in der Villa möglich ist, stößt schnell an seine Grenzen: Es fehlt ein Aufzug, Schwerkranke müssen in Korbsesseln auf die Stationen getragen werden, moderne medizinische Ausstattung findet kaum Platz. Der Ärztekreis um Dr. Bopp träumt längst von etwas Größerem – einer modernen anthroposophischen Klinik mit verschiedenen Fachabteilungen, die Stuttgart und der Region eine echte Alternative zur rein schulmedizinischen Versorgung bieten könnte.
Dann bringt der gemeinsame Steuerberater sie mit zwei Brüdern aus dem schwäbischen Unternehmermilieu zusammen. Hermann und Ernst Mahle, die erfolgreichen Kolbenproduzenten, sind nicht nur geschäftstüchtige Industrielle, sondern auch überzeugte Anthroposophen. Als praktizierende Geschäftsmänner wissen sie: Visionen allein genügen nicht – es braucht die richtigen Partner und vor allem eine solide finanzielle Basis.
Das Jahr 1964 wird zum Schicksalsjahr für alle Beteiligten. Fast zeitgleich entstehen zwei Institutionen, die das Projekt Filderklinik erst möglich machen: Im März wird der gemeinnützige Verein Filderklinik e.V. ins Stuttgarter Vereinsregister eingetragen, im Dezember folgt die Gründung der MAHLE-STIFTUNG GmbH. Was wie organisatorische Routine aussieht, ist in Wahrheit die Geburtsstunde eines der ehrgeizigsten medizinischen Projekte der Region.
Die Verbindung zwischen dem Ärztekreis und den Gebrüdern Mahle erweist sich als Glücksfall. Hier treffen medizinische Kompetenz und unternehmerische Erfahrung aufeinander, hier begegnen sich Menschen, die eine gemeinsame Vision teilen: eine Medizin, die mehr ist als die Summe ihrer technischen Möglichkeiten.
Doch zwischen Traum und Verwirklichung liegen, wie so oft, unvorhergesehene Hindernisse. Der ursprünglich favorisierte Standort in Stuttgart-Heumaden erweist sich als nicht realisierbar. Die Zeit vergeht, Ernst Mahle wird ungeduldig – der mittlerweile Siebzigjährige möchte die Klinik noch zu Lebzeiten eröffnet sehen.
Da kommt Bewegung in die festgefahrene Situation: Friedhardt Pascher, der tatkräftige Bürgermeister des beschaulichen Filderortes Bonlanden, erkennt die Chance. Eine moderne Klinik in seiner Gemeinde – das wäre ein echter Gewinn für die Region. Gemeinsam mit seinem Kollegen Bürgermeister Illig aus dem benachbarten Plattenhardt wirbt er um das Projekt. Seine Hartnäckigkeit zahlt sich aus: Am 15. Oktober 1972 erfolgt die Grundsteinlegung auf der Haberschlaiheide, am malerischen Rand eines mit Wacholder bewachsenen Landschaftsschutzgebietes.
Was dann entsteht, sprengt alle ursprünglichen Dimensionen. Aus den anfangs geplanten 70 bis 120 Betten werden schließlich 216 – die Filderklinik entwickelt sich zu einem Akut- und Allgemeinkrankenhaus mit den Abteilungen Innere Medizin, Chirurgie, Gynäkologie/Geburtshilfe, Pädiatrie und – für die damalige Zeit höchst ungewöhnlich – Psychosomatik. Für die zahlreichen Mitarbeitenden und ihre Familien entstehen 132 Wohnungen unterschiedlicher Größe, für die Kinder eine Tagesstätte.
Die Baukosten von etwa 50 Millionen DM übersteigen bei weitem die finanziellen Möglichkeiten der MAHLE-STIFTUNG. Kredite müssen aufgenommen werden, denn das Haus soll nicht nur funktional und technisch modern werden, sondern auch „architektonisch lebendig und künstlerisch gestaltet“, wie es in den Planungsunterlagen heißt.
Am 29. September 1975 ist es endlich soweit: Die Filderklinik wird feierlich eröffnet. Mehr als 6.000 neugierige Besucherinnen und Besucher strömen zur Besichtigung des architektonisch ungewöhnlichen Krankenhauses. In seiner Ansprache würdigt Ernst Mahle seinen verstorbenen Bruder Hermann, der die Eröffnung leider nicht mehr erleben konnte.
Bereits ein Jahr zuvor war der Förderverein Filderklinik e.V. gegründet worden, der nun das Gebäude vom Verein Filderklinik e.V. mietet und den praktischen Klinikbetrieb übernimmt. Eine kluge Konstruktion, die sich bis heute bewährt.
Was 1963 als kühne Vision einiger Ärztinnen und Ärzte begann und durch die Weitsicht zweier Unternehmerbrüder möglich wurde, ist heute eine feste Größe in der deutschen Medizinlandschaft. Die Filderklinik zeigt täglich, dass anthroposophische Medizin und modernste Medizintechnik keine Gegensätze sind, sondern sich zu einer Heilkunst verbinden lassen, die den Menschen in seiner Ganzheit ernst nimmt.
Hermann und Ernst Mahle hätten ihre Freude daran gehabt: Aus ihrer Vision ist nicht nur ein Krankenhaus entstanden, sondern ein lebendiger Ort, an dem täglich „Gemeinwohl vor Eigennutz“ praktiziert wird – ganz im Sinne ihrer Stiftungsphilosophie.
Mehr Informationen unter www.filderklinik.de
Ein Dokumentarfilm aus Brasilien zeigt, wie Theater junge Menschen verwandelt. Sieben Jahre – so lange dauerte der Weg von den ersten Dreharbeiten bis zur Kinopremiere des Dokumentarfilms „OROBORO“ im März 2025. Sieben Wochen lief er in brasilianischen Kinos, wurde in sieben Städten gezeigt und erreichte viele Zuschauerinnen und Zuschauer. Ein bemerkenswerter Erfolg für einen unabhängigen, mit geringem Budget produzierten Film, der ein Thema erkundet, das der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist: die transformative Kraft der Kunst in der menschlichen Entwicklung.
Der Film des brasilianischen Regisseurs Pablo Lobato begleitet zwei Klassen der Rudolf Steiner Waldorfschule in Belo Horizonte bei ihren Theaterprojekten: die achte Jahrgangsstufe mit Mozarts „Zauberflöte“ und die zwölfte mit dem brasilianischen Literaturklassiker „Grande Sertão: Veredas“ nach João Guimarães Rosa. Was zwischen 2018 und 2020 entstand, ist mehr als nur eine Dokumentation über Schultheater – es ist ein poetisches Zeugnis darüber, wie Kunst Körper, Geist und Seele junger Menschen berührt und formt.
„Oroboro“ – dieser Name ist nicht zufällig gewählt. Er verweist auf das mythische Symbol der Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt und damit den ewigen Kreislauf von Leben, Tod und Erneuerung darstellt. Eine Metapher, die Guimarães Rosas einzigartige Fähigkeit spiegelt, scheinbare Gegensätze zu vereinen: Leben und Tod, Gut und Böse, das Göttliche und das Profane. Genau diese Vielschichtigkeit entdeckt Lobato auch in der Arbeit der jungen Theaterspielerinnen und -spieler.
Was ich erlebte, fesselte mich sofort. Die Intensität war spürbar – nicht nur die schauspielerischen Fähigkeiten der Jugendlichen beeindruckten mich, sondern vor allem ihre Art des Miteinanders, dieser gegenseitige Respekt und die Aufmerksamkeit füreinander.
Pablo Lobato, Regisseur
Alles begann mit einem simplen Anruf. Die Zwölftklässler suchten jemanden, der ihre Aufführungen filmen könnte – mit begrenztem Budget und ohne große Erwartungen. Pablo Lobato, damals noch ahnungslos, was ihn erwarten würde, erinnert sich: „Ich verließ gerade mein Studio, als der Anruf kam. Erst wollte ich sehen, was dort passiert, um zu verstehen, wie sich das filmen lässt.“
Doch schon am nächsten Tag, bei der ersten Probe, war er gefangen. „Was ich erlebte, fesselte mich sofort. Die Intensität war spürbar – nicht nur die schauspielerischen Fähigkeiten der Jugendlichen beeindruckten mich, sondern vor allem ihre Art des Miteinanders, dieser gegenseitige Respekt und die Aufmerksamkeit füreinander.“
Was Lobato sofort auffiel, war die bemerkenswerte Vielfalt der Gruppe: „Eine unglaubliche Vielfalt: Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen, ein gehörloser Mitschüler, verschiedene Lebensweisen und Herkünfte. Eine seltene Konstellation – einfach wunderschön.“ Und dann wagten sie sich an einen der schwierigsten Texte der brasilianischen Literatur heran. „Als sie sich für Grande Sertão entschieden, dachte ich: Hier entsteht etwas ganz Besonderes!“
Die Entscheidung der Jugendlichen stieß nicht überall auf Begeisterung. Manche Lehrkräfte sorgten sich wegen der enormen Komplexität, einen der bedeutendsten Romane Brasiliens für die Bühne zu adaptieren. Doch gerade diese Entschlossenheit – ihr beharrliches Festhalten an der eigenen Wahl trotz erwachsener Zweifel – faszinierte den Filmemacher.
Dies ist ein Film im Dienste der Kunst. Wir wollten die Zuschauerinnen und Zuschauer in einen Raum künstlerischer Betrachtung einladen – einen Raum, der Emotionen weckt und Gefühle berührt. Wir haben uns für die Poesie entschieden.
Pablo Lobato, Regisseur
Der Weg zur Realisierung war nicht einfach. Eltern mussten der Teilnahme ihrer oft minderjährigen Kinder zustimmen, die Schule zögerte, einen so intimen pädagogischen Prozess der Öffentlichkeit preiszugeben. Erst nach vielen Gesprächen verstanden alle die Bedeutung des Vorhabens: der Welt zu zeigen, welche Schönheit und transformative Kraft die Kunst für junge Menschen bereithält.
„Erst dann öffneten sie ihre Türen wirklich und gestatteten mir Aufnahmen im Klassenzimmer“, beschreibt Lobato den Durchbruch. „Es entstand eine Vertrauensbeziehung, die es mir ermöglichte, den Schulalltag in all seinen Facetten zu dokumentieren.“
Mitten in die Filmarbeiten platzte die COVID-19-Pandemie. Während überall Theater geschlossen wurden, wollte der Lehrer der achten Klasse seinen Schülerinnen und Schülern die Theatererfahrung nicht vorenthalten. Kurzerhand schlug er einen dreiwöchigen Rückzug vor, um Mozarts „Zauberflöte“ zu inszenieren. Lobato dokumentierte den gesamten Entstehungsprozess und erkannte das Potenzial, beide Theaterprojekte miteinander zu verweben.
„Dieser Film entstand völlig ungeplant, fast organisch“, reflektiert der Regisseur. „Nach und nach fand er seine Unterstützer, selbst Kolleginnen und Kollegen ließen sich mitreißen – alle spürten: Hier entsteht etwas Außergewöhnliches.“
Nach der erfolgreichen Kinopremiere suchte das Team nach Wegen, den Film weiterzuverbreiten. Ihr Ziel: „Oroboro“ als Instrument für Reflexion und Wandel in Bildungseinrichtungen zu etablieren. Hier kam das INSTITUTO MAHLE ins Spiel. Gemeinsam brachten sie den Film zu Menschen, denen der Zugang zur Kultur traditionell verwehrt bleibt – sei es durch geografische Abgeschiedenheit oder wirtschaftliche Hürden.
Sieben Wochen lang tourte der Film durch brasilianische Städte, wurde sowohl in kommerziellen Kinos als auch in besonderen Vorführungen für Waldorf- und staatliche Schulen gezeigt. „Wir wollten den Film zu neuen Zielgruppen bringen, zu Menschen, die mit der Anthroposophie nicht vertraut sind“, erklärt Lobato das Konzept. „Bewusst haben wir darauf verzichtet, einen belehrenden Film zu schaffen. Die Menschen sollten die Kraft der Verbindung zwischen Kunst und menschlicher Entwicklung unmittelbar spüren – ohne theoretische Erklärungen.“
Im Juli 2025 wurde der Film auf Einladung des Goetheanum während des Alma Humana Kongresses im Haupttheater als Teil des offiziellen Programms gezeigt – ein Zeichen für die internationale Ausstrahlung des Projekts.
„Dies ist ein Film im Dienste der Kunst“, fasst Lobato seine Vision zusammen. „Wir wollten die Zuschauerinnen und Zuschauer in einen Raum künstlerischer Betrachtung einladen – einen Raum, der Emotionen weckt und Gefühle berührt. Wir haben uns für die Poesie entschieden.“
So erzählt „Oroboro“ nicht nur von zwei Theaterprojekten, sondern von der universellen Kraft der Kunst, junge Menschen zu verwandeln und ihnen zu helfen, ihren Platz in der Welt zu finden. Ein Film, der wie das mythische Symbol seines Namens zeigt: Aus jeder Verwandlung entsteht etwas Neues.
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Über den Regisseur
Pablo Lobato (geb. 1976) ist bildender Künstler und Filmemacher aus Bom Despacho, Brasilien. Sein Debütfilm „Acidente“ wurde auf renommierten Festivals wie Sundance, Locarno und Guadalajara gezeigt und gewann den Preis für den besten iberoamerikanischen Dokumentarfilm. 2009 erhielt er das prestigeträchtige John Simon Guggenheim Fellowship. Nach Jahren intensiver Arbeit in der bildenden Kunst mit Ausstellungen im MoMA (New York), New Museum (New York) und Museo Tamayo (Mexiko-Stadt) kehrt er mit „Oroboro“ zum Kino zurück.
Die Rudolf-Steiner-Schule Loheland verbindet Waldorfpädagogik mit biologisch-dynamischer Landwirtschaft – und erschließt damit völlig neue Lernwelten für Kinder.
Der Morgen beginnt wie immer: Die Erstklässlerinnen und Erstklässler versammeln sich im Klassenraum, begrüßen sich und stimmen sich mit einem gemeinsamen Spruch auf den Tag ein. Doch dann passiert etwas Ungewöhnliches – statt zur Tafel zu schauen, ziehen sie ihre Gummistiefel an und gehen hinaus auf den Hof. Dort warten bereits die Kühe auf ihr Frühstück, die Ziegen müssen gemolken und die Hühner gefüttert werden. Willkommen im „Erlebnisraum Loheland“, wo seit dem vergangenen Schuljahr der Kuhstall zum Klassenzimmer geworden ist.
Loheland blickt auf eine über hundertjährige Geschichte zurück. 1919 gründeten Louise Langgaard und Hedwig von Rohden in der hessischen Rhön eine Schule für Bewegung, Gymnastik und Tanz – mit dem Anspruch einer ganzheitlichen Menschenbildung. Von Anfang an gehörte auch die biologisch-dynamische Landwirtschaft dazu, die Boden, Pflanzen und Tiere als einen lebendigen Organismus betrachtet.
Doch während die Waldorfschule und der Demeter- Hof jahrzehntelang nebeneinander existierten, fehlte die tiefere Verbindung. „Es gab zwar immer wieder Begegnungen zwischen Kindern und Tieren, aber eine echte Verantwortung konnten die Kinder in der knappen Zeit nicht übernehmen“, beschreibt Geschäftsführer Maximilian Abou El Eisch-Boes die frühere Situation. Das sollte sich grundlegend ändern. Inspiriert vom Gründungsimpuls Lohelands, gesellschaftliche Transformation nicht nur zu denken, sondern zu leben, gingen die Verantwortlichen einen mutigen Schritt: Die vollständige Integration des Hoforganismus in den Schulorganismus.
Das Herzstück des neuen Konzepts ist die „tier- und pflanzengestützte Handlungspädagogik“. Ein Begriff, der zunächst sperrig klingt, aber eine naheliegende und doch unkonventionalle Idee beschreibt: Kinder lernen am besten, wenn sie mit allen Sinnen dabei sind, wenn sie echte Aufgaben übernehmen und unmittelbare Erfolge erleben können.
„Die Klassen eins bis fünf verbringen jeweils einen Tag pro Woche auf dem Hof“, erklärt Hannah von Bredow, die als Pädagogin mit landwirtschaftlicher Ausbildung das Projekt leitet. „Die ersten drei Klassen kommen vormittags für mehrere Stunden, die vierte und fünfte Klasse nachmittags.“ Was dabei geschieht, ist weit mehr als Bauernhof-Romantik: Die Kinder übernehmen die komplette Tierversorgung – vom Ausmisten der Ställe über das Füttern bis hin zur Pflege der Tiere. Zudem helfen die Kinder bei verschiedensten Aufgaben im Garten und auf dem Acker.
Was dabei geschieht, ist weit mehr als Bauernhof-Romantik: Die Kinder übernehmen die komplette Tierversorgung – vom Ausmisten der Ställe über das Füttern bis hin zur Pflege der Tiere.
Hannah von Bredow
Der pädagogische Clou liegt im Fokus auf den Entwicklungsstand: Erstklässlerinnen und Erstklässler beginnen spielerisch, die Erwachsenen bei den Tätigkeiten zu begleiten. „Sie erkunden ihren neuen Lebensraum und kommen langsam in Zeit und Raum an“, beschreibt von Bredow die behutsame Heranführung. Mit zunehmendem Alter übernehmen die Kinder mehr Verantwortung – bis hin zu komplexen Aufgaben wie dem Säen und Ernten von Getreide oder dem Bau von Hühnerställen.
Die Wirkung ist oft verblüffend. Hannah von Bredow erinnert sich an einen Jungen aus der ersten Klasse: „Er kam mit einer totalen ‚Keine-Lust-Haltung‘ an, wollte lieber nach Hause und zocken.“ Doch dann gab er zum ersten Mal einer Kuh Heu aus der Hand. „Die Kuh hat das genommen, und er war unglaublich fasziniert. Über das Tierfüttern ist er immer mehr ins Tun gekommen.“ Heute hilft der Junge begeistert mit und zeigt eine Entwicklung, die sich durch seine gesamte Schulzeit zieht.
Ähnlich eindrucksvoll ist die Geschichte eines Mädchens, das mit großen Ängsten in die Schule kam: „Sie hatte richtig viel Angst vor unbekannten Situationen, drückte sich immer in die Ecke und traute sich gar nichts zu“, so von Bredow. Auch vor den Tieren hatte sie anfangs große Scheu. „Aber im Laufe des Schuljahrs hat sich das verändert. Ihre Entwicklung ist nicht nur am Hof spürbar, sondern auch im normalen Unterricht.“
Diese Beobachtungen decken sich mit den Erfahrungen der Klassenlehrerinnen und -lehrer. Wenn Kinder nach einem Hoftag noch Zeit im Klassenzimmer verbringen, sind sie besonders ruhig und konzentriert – nicht müde, sondern auf eine besondere Weise ausgeglichen.
Was den „Hof Loheland“ von herkömmlichem Unterricht unterscheidet, ist die Authentizität der Lernsituationen. Statt abstrakter Aufgaben erleben die Kinder unmittelbare Sinnzusammenhänge. Als eine dritte Klasse im Herbst Weizen säte und die Zeit nicht für das ganze Feld reichte, nutzte die Klassenlehrerin dieses Erlebnis kurzerhand für eine ganze Mathematik-Epoche: „Die Kinder haben gerechnet, wie viele Körner sie brauchen, und immer mit dem Aufhänger: ‚Frau von Bredow hat die Zeit vergessen – wie viele Körner sind es dann?‘" Die Begeisterung der Kinder war spürbar, weil sie einen konkreten Bezug zu ihren Erlebnissen hatten.
Diese Verbindung von praktischem Tun und theoretischem Lernen entspricht einem zentralen Prinzip der Waldorfpädagogik, die von Rudolf Steiner 1919 – im selben Jahr wie Loheland – begründet wurde.
Neben der pädagogischen Dimension verfolgt Loheland auch ein wichtiges ökologisches Ziel: die Entwicklung zu einem Demeter-Archehof. Archehöfe verstehen sich als Archen für vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen. Denn laut Welternährungsorganisation stirbt im Durchschnitt eine Rasse pro Monat aus. Das Anliegen ist also durchaus dringlich.
Bereits jetzt leben auf dem Hof Rotes Höhenvieh, Thüringer Waldziegen und verschiedene Schafrassen. Die Tiere wurden gezielt so ausgewählt und entwickelt, dass sie für die pädagogische Arbeit geeignet sind. „Bei der Kuhherde wird es noch ein paar Jahre dauern, bis sie wirklich handzahm ist“, räumt von Bredow ein. „Aber die Ziegen sind schon voll dabei – die Kinder gehen mit ihnen spazieren und machen alles mit ihnen.“
Wir hören nur Lob – sowohl für das Konzept als auch für die Arbeit mit den Kindern.
Abou El Eisch-Boes
Der Erfolg des Projekts spiegelt sich in konkreten Zahlen wider: Die Schülerzahlen sind von 485 auf über 515 gestiegen. „Für meine dritte Klasse ist es der liebste Tag in der Woche“, berichtet eine Klassenlehrerin. Auch die Eltern zeigen sich begeistert: „Wir hören nur Lob – sowohl für das Konzept als auch für die Arbeit mit den Kindern“, so die Pädagogin.
Besonders erfreulich ist die Anerkennung durch das hessische Schulamt: Der Hoftag gilt durch seine pädagogische Ausrichtung offiziell als Sachkundeunterricht und wird entsprechend auch durch die Ersatzschulfinanzierung mitfinanziert. „Das war ein wichtiger Durchbruch“, betont Abou El Eisch-Boes. „Der Schulorganismus kann jetzt den ganzen Hoforganismus mittragen.“
Für meine dritte Klasse ist es der liebste Tag in der Woche.
Abou El Eisch-Boes
Die Vision geht weit über den aktuellen Stand hinaus. Geplant sind Forschungskooperationen zur wissenschaftlichen Begleitung des Projekts, ein MINT-Zentrum für die Oberstufe und die verstärkte Integration von Gesundheitsförderung und Heilpädagogik. „Wir wollen herausfinden, wie sich die tier- und pflanzengestützte Handlungspädagogik auf die Entwicklung der Kinder auswirkt“, erklärt Abou El Eisch-Boes. Erste Gespräche mit Universitäten und Forschungseinrichtungen laufen bereits.
Auch die Öffnung nach außen ist geplant: Andere Schulen sollen Projektwochen in Loheland verbringen können, Lehrerinnen und Lehrer sich fortbilden und Familien „Ferien auf dem Bauernhof“ erleben. Ein Curriculum soll entstehen, das anderen Waldorfschulen zur Verfügung gestellt wird.
Was in Loheland geschieht, ist mehr als ein außergewöhnliches pädagogisches Konzept – es ist ein Beispiel dafür, wie Bildung aussehen kann, wenn sie den ganzen Menschen anspricht. Wenn Kinder morgens die Kühe versorgen, mittags Karotten ernten und nachmittags über ihre Erlebnisse malen und schreiben, lernen sie nicht nur Biologie und Mathematik. Sie entwickeln Verantwortungsgefühl, Selbstvertrauen und ein tiefes Verständnis für die Zusammenhänge des Lebens.
„Wir wollen den Kindern wieder eine Verbindung zur Natur und zu den Grundlagen unserer Existenz geben“, fasst Abou El Eisch-Boes das Anliegen zusammen. In einer Zeit, in der Kinder immer früher mit digitalen Medien in Kontakt kommen und der Bezug zur natürlichen Welt zu schwinden droht, zeigt Loheland einen alternativen Weg auf – einen Weg, bei dem der Kuhstall zum wertvollen Klassenzimmer wird.
Die Transformation von Loheland ist noch lange nicht abgeschlossen. Aber schon jetzt ist klar: Hier entsteht etwas Einzigartiges – ein Ort, an dem Kinder nicht nur für die Schule, sondern fürs Leben lernen. Ein Ort, an dem eine über hundertjährige Vision endlich ihre volle Kraft entfalten kann.
Wir wollen den Kindern wieder eine Verbindung zur Natur und zu den Grundlagen unserer Existenz geben.
Abou El Eisch-Boes
In Stuttgart-Möhringen wächst mehr als Gemüse: Hier bewahren engagierte Samengärtnerinnen und -gärtner ein kulinarisches Erbe, das in den Hochleistungssorten der Agrarindustrie längst verloren gegangen ist. Die Geschichte einer gelben Bohne zeigt, wie aus Leidenschaft für Vielfalt ein Projekt entsteht, das regionalen Anbau, Biodiversität und Ernährungssouveränität zusammenbringt.
Die Geschichte beginnt auf einem Naturparkmarkt, irgendwo auf der Schwäbischen Alb. Ein älterer Herr übergibt Ingo und Mechthild Hubl eine kleine Sammlung Bohnensamen – Familiensorten, die seit Generationen angebaut werden. „Wir haben die dann aussortiert, angebaut und geschaut, was daraus wird“, erzählt Ingo Hubl, während er durch den „Vielfaltsgarten“ beim Möhringer Freibad führt. Zwischen Gewächshäusern und herbstlichen Beeten wächst hier weit mehr als nur Gemüse: Es ist ein lebendiges Archiv der Kulturpflanzenvielfalt, ein „Genbänkle", wie man in Baden-Württemberg so treffend sagt.
Eine der Bohnen aus jener Sammlung sollte sich als besonderer Glücksgriff erweisen: die Gelbe Einbohne. „Bei ersten Vermehrungen ist sie aufgefallen“, berichtet Hubl. „Sie bildet standfeste Pflanzen mit einem ordentlichen Behang an mittellangen Hülsen, die sich leicht ernten lassen.“ Noch wichtiger: Bei einer Verkostung im Botanischen Garten der Universität Tübingen überzeugte sie auf ganzer Linie – mit einer kurzen Kochzeit und einem guten, süßlich-angenehmem Geschmack. Eigenschaften, die in Zeiten pflanzlicher Ernährung und regionaler Wertschöpfung plötzlich wieder höchst aktuell werden.
Für Mechthild Hubl, Agraringenieurin und die treibende Kraft hinter dem Vielfaltsgarten, ist die Arbeit mit alten Sorten mehr als ein Hobby. „Früher hat man uns im Studium noch beigebracht, dass Samen nicht selbst gemacht werden können", erinnert sie sich. „Das degeneriert angeblich, das baut sich ab.“ Ein Irrglaube, der Generationen von Gärtnerinnen und Gärtnern in die Abhängigkeit der Saatgutindustrie trieb. Mechthild Hubl wollte das nicht hinnehmen: „Ein wichtiger Schritt war für mich, irgendwann eine Saatgut-Autonomie zu haben“, erklärt sie die Philosophie hinter ihrer Arbeit. Ein Kurs bei der renommierten Samengärtnerei Sativa vor elf Jahren öffnete ihr die Augen: „Da hat sie gemerkt, das geht. Man kann Samen selbst machen.“
Seit dem gärtnert sie mit einer Energie und Konsequenz, die ihresgleichen sucht. Heute bewirtschaften die Hubls nicht nur den 1.600 Quadratmeter großen Gemeinschaftsgarten, sondern auch einen ein Drittel Hektar großen bio-zertifizierten Acker zur Saatgutvermehrung – nach den Prinzipien der Permakultur. „Uns ist das Bio wichtig“, betont Ingo Hubl. „Für viele ist Boden einfach nur Träger. Aber es geht auch ums Bodenleben, das Mikrobiom muss funktionieren.“
Die Hubls sind Teil eines größeren Ganzen: des Vereins Genbänkle, einem Netzwerk von 126 Mitgliedern, das sich der Erhaltung alter Gemüsesorten in Baden-Württemberg verschrieben hat. Unter der Leitung von Professor Roman Lenz, ehemaliger Dekan der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen, hat sich der 2018 gegründete Verein zum Ziel gesetzt, Initiativen und Organisationen zu vernetzen, die sich mit alten und seltenen Gemüsesorten beschäftigen. „Wir verstehen uns als Netzwerk“, erklärt Ingo Hubl, der die Kasse des Vereins verwaltet. „Es geht darum, Sortenretter und Erhalter zusammenzubringen.“
Das Konzept funktioniert: Über eine Online-Datenbank und regelmäßige Samenmärkte finden Interessierte Zugang zu regionalem, samenfestem Saatgut – Sorten, die nachbaufähig sind und nicht, wie Hybridsaatgut, nach einer Generation ihre Eigenschaften verlieren. „Wir wollen die Leute für Industrie-Saatgut verderben“, sagt Ingo Hubl mit einem Augenzwinkern, meint es aber durchaus ernst. Denn hinter der Saatgutfrage verbirgt sich eine politische Dimension: „Die Saat bestimmt, was die Menschheit isst. Und das sind nicht unbedingt immer schöne Entwicklungen.“
Tatsächlich wird der globale Saatgutmarkt heute von drei Großkonzernen dominiert. Was sie züchten, ist optimiert für industrielle Landwirtschaft – nicht für Selbstversorgende, Hobbygärtnerinnen oder kleinbäuerliche Betriebe. „Diese Hochleistungssorten sind empfindlich wie Sportwagen“, bringt es Ingo Hubl auf den Punkt. „Die fahren auf glattem Asphalt wunderbar, aber sobald ein Schlagloch kommt, sitzen sie auf.“
Mit der Gelben Einbohne wollen die Hubls nun den Beweis antreten, dass es anders geht. Was im kleinen Maßstab funktioniert, soll „hochskaliert“ werden – in die landwirtschaftliche Praxis. Gemeinsam mit dem Bioland-Betrieb von Till Brodbeck in Stuttgart-Sonnenberg läuft seit 2025 ein dreijähriger Versuchsanbau. „Wir haben die Bohnen hochvermehrt, bis wir etwa 14, 15 Kilo Saatgut hatten“, erzählt Ingo Hubl. „Dann haben wir mit dem Bauer Till abgesprochen, dass er mal den Versuch macht.“
Das Projekt ist akribisch angelegt: Die Bohnen werden mit landwirtschaftlicher Technik gesät, gepflegt und geerntet. Dabei werden alle Parameter dokumentiert – Stundenaufwand, Maschineneinsatz, Ertrag. „Es geht darum, zu schauen, wie so was unter landwirtschaftlichen Bedingungen funktioniert“, erklärt Hubl. „Wir sind Hobbygärtner, das ist alles schön und gut, aber so was muss in die Fläche.“
Es geht um lokale Vermarktung und Wertschöpfung.
Mechthild Hubl
Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend. Im ersten Jahr sollte der Ertrag ermittelt und die gewonnenen Erkenntnisse genutzt werden, um weitere Landwirtinnen und Landwirte für den Bohnenanbau zu gewinnen. Parallel dazu entwickeln die Beteiligten eine Aufbereitungs- und Vermarktungsstrategie. Die Vision: Die Gelbe Einbohne soll in Hofläden, Bio-Märkten und vielleicht sogar in Großküchen ankommen. „Im Plattsalat-Bioladen in Stuttgart-West hätten sie auch Interesse“, berichtet Hubl. „Es geht um lokale Vermarktung und Wertschöpfung.“
Was die Gelbe Einbohne auszeichnet, ist nicht nur ihre Anbaueignung, sondern auch ihr kulinarisches Potenzial. Bei Verkostungsaktionen – etwa im Frühjahr in Stuttgart-Möhringen, wo Mechthild Hubl einen Eintopf und Hummus aus der Bohne zubereitete – kam sie hervorragend an. „Die cremige Konsistenz von daraus hergestelltem Hummus und die kurze Garzeit sind eine Bereicherung des Bohnensortiments“, schwärmt Mechthild Hubl. „Und der Name ‚Einbohne‘ kommt daher, dass man sie einzeln sät – alle zehn Zentimeter ein Korn.“
Und der Name ‚Einbohne‘ kommt daher, dass man sie einzeln sät – alle zehn Zentimeter ein Korn.
Mechthild Hubl
Doch bei allem Pragmatismus geht es den Hubls und ihren Mitstreitenden im Genbänkle um mehr als nur um Erträge und Verkaufszahlen. Es geht um Geschichten, um kulturelles Erbe, um die Weitergabe von Wissen. „Wir wollen schon schauen, gibt es eine Geschichte zu einer Sorte“, sagt Ingo Hubl. „Ist das aus dem Ort, ist das etabliert, oder haben Sie das von irgendwo mitgenommen?“ Eine Tomate, die ein Kriegsgefangener mitbrachte. Bohnen aus Siebenbürgen, die eine Messnerin der Kirchengemeinde weitergab. Sorten, deren Namen an Großmütter erinnern oder an längst verschwundene Gärtnereien.
„Jetzt ist die Zeit, wo man vielleicht noch alte Leute hat, die alte Sorten haben“, mahnt Ingo Hubl. „Fast auf jedem Samenmarkt hört man die Geschichte: Wir hätten gern eine Tomate, die so schmeckt wie bei der Oma. Und wenn man fragt, ist die Geschichte immer die gleiche: Oma macht ihre Augen zu, das Häusle wird verkauft, und dann stehen drei Reihenhäuser drauf. Das Saatgut ist weg.“
Die Arbeit des Genbänkle ist mehr als Nostalgie oder romantische Rückbesinnung. Sie ist ein Beitrag zur Biodiversität, zur Klimaanpassung und zur Ernährungssouveränität. „Die gute Anpassung an die regionalen Gegebenheiten könnte einen einfachen, biologischen Anbau auch bei weniger Krankheitsproblemen ermöglichen“, erklärt Mechthild Hubl die agronomischen Vorteile regionaler Sorten. Anders als weitgereiste Körnerleguminosen aus China oder der Türkei ist die Einbohne klimatisch angepasst, robust und braucht keine 20.000 Kilometer Transportweg.
Die Wiedereinführung der Gelben Einbohne in eine regionale Wertschöpfung würde auch einen Beitrag zu Erhaltung und Förderung der genetischen Ressourcen leisten und damit der Biodiversität
Mechthild Hubl
„Die Wiedereinführung der Gelben Einbohne in eine regionale Wertschöpfung würde auch einen Beitrag zu Erhaltung und Förderung der genetischen Ressourcen leisten und damit der Biodiversität“, fügt sie hinzu. In Zeiten des Klimawandels und schwindender Sortenvielfalt keine Kleinigkeit. Während die industrielle Landwirtschaft auf immer weniger Hochleistungssorten setzt, schwindet die genetische Basis unserer Nahrungsmittel. Was im Sortenkatalog von 1920 noch selbstverständlich war, ist heute vielfach verschollen.
„Wenn man mal in Gönningen ins Samenhandelsmuseum geht“, erzählt Ingo Hubl, „da gibt es alte Kataloge. Das ist faszinierend, was es alles schon gab vor 100, 120 Jahren. Und was alles verloren gegangen ist.“ Das Genbänkle will gegensteuern – Sorte für Sorte, Garten für Garten, Acker für Acker.
„Wir wollen den Leuten Mut machen, es mit Saatgut
zu probieren“, sagt Ingo Hubl
Ein weiteres Anliegen ist die Wissensvermittlung. „Wir wollen den Leuten Mut machen, es mit Saatgut zu probieren“, sagt Ingo Hubl. Viele Menschen hätten eine Hemmung davor, selbst Samen zu gewinnen – geschürt durch Schauergeschichten wie die von der „Killerzucchini“, die durch Verkreuzung giftig wurde. „Aber mit der Geschichte wird den Leuten Angst gemacht“, bedauert Hubl. „Wenn sich eine Tomate verkreuzt oder eine Bohne vermischt, passiert nichts. Die Sorte ist halt kaputt, aber nicht giftig.“ Sein Rat: „Einfach mal einen Salat schießen lassen, mal ein Radieschen wachsen lassen. Das ist keine Raketenwissenschaft. Das haben vor 50, 60, 70 Jahren alle Hausgärtner gemacht.“
Die Hubls bieten Kurse an, machen Führungen durch ihren Garten, stehen auf Samenmärkten Rede und Antwort. Ihr bio-zertifiziertes Saatgut richtet sich an Hausgärtnerinnen und Selbstversorger. Und sie zeigen: Was seit der Jungsteinzeit funktioniert hat – Anbau, Auswahl, Vermehrung –, das funktioniert auch heute noch.
„Der Ötzi ist nicht zum Dehner gelaufen und hat drei bunte Tüten gekauft“, sagt Ingo Hubl mit einem Lachen. „Die haben nichts anderes gemacht: angebaut, geguckt, was ist schön, und das vermehrt.“ So entstanden über Jahrtausende angepasste, robuste Sorten. So können sie auch wieder entstehen – im Vielfaltsgarten, im Genbänkle, auf dem Acker in Sonnenberg.
Wenn im dritten Projektjahr die Gelbe Einbohne bekannt gemacht, vermarktet und dokumentiert sein wird, dann haben Ingo und Mechthild Hubl mehr erreicht als nur die Rettung einer vergessenen Sorte. Sie haben gezeigt, dass Ernährungssouveränität keine Utopie ist. Dass lokale Wertschöpfung funktioniert. Und dass in jedem Samenkorn – so unscheinbar es wirken mag – ein Stück Zukunft steckt.
Daisy Buchele gehört zu jenen Menschen, die eine Sache einmal gesehen haben und dann nicht mehr loslassen können. In den 1980er Jahren verbrachte sie Zeit in einem Camphill in Schottland – und was sie dort erlebte, sollte ihr Leben verändern. Zum ersten Mal sah sie, wie junge Erwachsene mit Behinderung nicht versteckt, nicht überbehütet, nicht infantilisiert wurden, sondern Verantwortung trugen, selbstbestimmt arbeiteten und Teil einer Gemeinschaft waren. Im Zentrum des Alltags stand die Arbeit auf dem Feld, die Verbindung zwischen Mensch und Natur. „Diese Erfahrung hat mich nicht mehr losgelassen“, erinnert sich Buchele. „Denn das war so völlig anders als das, was ich in Brasilien sah, wo Menschen mit Behinderung in ihren Häusern versteckt wurden.“
Zurück in ihrer Heimat wusste sie: Ein solches Modell ließe sich in Brasilien nicht eins zu eins umsetzen – zu unterschiedlich die wirtschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen, zu wenig staatliche Unterstützung. Doch die Idee, dass Arbeit auf dem Feld therapeutisch wirken und Menschen mit Behinderung zu Protagonistinnen und Protagonisten ihres eigenen Lebens machen kann, diese Idee ließ sie nicht los. „Was ich hier in den Städten sah, waren Arbeitsangebote in Supermärkten oder Tätigkeiten, die völlig sinnentleert waren“, sagt Buchele. „Aber ich hatte doch erlebt, wie Menschen auf dem Feld lernen, wachsen und Verantwortung übernehmen.“
Viele Jahre später trug Buchele ihre Vision einer Gruppe von Fachleuten aus Bildung und Gesundheit vor. Was als Idee begann, gewann rasch Kontur: 2016 erhielt das inzwischen gegründete Instituto Compassos ein brachliegendes Grundstück im Stadtteil Campeche von Florianópolis zur kostenlosen Nutzung. Schritt für Schritt befreiten die Mitarbeitenden das Gelände von Gestrüpp, regenerierten den Boden, legten Beete und Gewächshäuser an – alles nach den Prinzipien der biodynamischen Landwirtschaft. Mit Fördergeldern und Preisen entstand nach und nach eine einfache Infrastruktur mit Komposttoilette und Verwaltungsgebäude.
Die Bescheidenheit der Anlage ist kein Zufall. „Wir wollten zeigen, dass man für gute Arbeit keine aufwendigen Strukturen braucht“, erklärt Buchele. „Wenn andere ein ähnliches Projekt starten wollen, sollen sie sehen: Das ist machbar.“ Heute, fast zehn Jahre später, trägt diese Geduld Früchte – im wahrsten Sinne des Wortes. Das Instituto Compassos ist die einzige städtische Gärtnerei Brasiliens mit Demeter-Zertifizierung, dem Gütesiegel für biodynamische Produkte. Jede Woche verlassen dreißig Gemüsekisten den kleinen Betrieb. Ein Team aus Menschen mit und ohne Behinderung arbeitet hier gemeinsam – und alle erhalten für ihre Arbeit ein Gehalt.
Die Idee ist, dass das Instituto zu einer Schule wird, zu einem Multiplikator. Dass wir in die Gemeinden gehen und die Gemeinden zu uns kommen und sagen: Das hier gibt es, das ist möglich!
Daisy Buchele
Der Erfolg des Projekts weckte neue Ambitionen. Denn während auf dem eigenen Gelände biodynamisches Gemüse wuchs, fehlte es in den ärmeren Vierteln der Stadt oft an Zugang zu gesunden, frisch geernteten Lebensmitteln. So entstand die Idee, die Methoden der biodynamischen Landwirtschaft dorthin zu bringen, wo sie am dringendsten gebraucht werden: in sozial benachteiligte Gemeinden. Inzwischen hat das Institut in zwei solcher Viertel Gemeinschaftsgärten angelegt. Und hier zeigt sich die Stärke des Konzepts: Die Mitarbeitenden mit Behinderung leiten die Pflanzworkshops, geben ihr Wissen weiter, erklären den Bewohnenden, wie Beete angelegt und gepflegt werden. Sechs Monate lang begleitet das Institut die Projekte intensiv, danach übernehmen die Menschen vor Ort selbst die Verantwortung – mit dem Institut als Ansprechpartner im Hintergrund.
„Die Idee ist, dass das Instituto zu einer Schule wird, zu einem Multiplikator“, sagt Buchele. „Dass wir in die Gemeinden gehen und die Gemeinden zu uns kommen und sagen: Das hier gibt es, das ist möglich!“
Für das siebenköpfige Team, das täglich mit den Mitarbeitenden mit Behinderung arbeitet, steht die Diagnose nie im Vordergrund. Tatsächlich wissen nur die Therapeutinnen und Therapeuten, welche Syndrome oder Beeinträchtigungen die einzelnen Menschen haben. „Es gab eine Zeit, da haben wir mit Menschen mit Behinderungen gearbeitet“, sagt Buchele. „Aber heute arbeiten wir einfach nur noch mit Menschen.“
Diese Haltung prägt den gesamten Ansatz des Instituts. Jeder Mensch wird in seinen Stärken gesehen, ermutigt, über sich hinauszuwachsen – unabhängig von der Diagnose. Und genau aus diesem individuellen Blick heraus entstand ein weiteres Standbein des Projekts: die Arbeit mit Filz. Denn nicht alle fühlten sich von der Feldarbeit angesprochen. Also entwickelte das Team in Kooperation mit der Bundesuniversität Santa Catarina ein Angebot zur Nassfilzverarbeitung, einer alten handwerklichen Technik. Aus der Schafwolle entstehen heute Decken, Kissen, Übertöpfe und Kleidungsstücke, die das Institut verkauft.
Parallel dazu etabliert sich das Compassos zunehmend als kultureller Treffpunkt, als Ort des Austauschs und des Lernens für die Gemeinde. Workshops, Veranstaltungen und Begegnungen gehören inzwischen fest zum Programm.
Und weil fruchtbarer Boden auch fruchtbare Ideen hervorbringt, gibt es bereits neue Pläne: ein Hotelprojekt, das Arbeit und Wohnen für die Mitarbeitenden verbindet – ganz ähnlich dem Camphill-Modell, das Daisy Buchele einst in Schottland kennenlernte. „Wir arbeiten nie mit einem festen Endbild“, sagt sie. „Wir arbeiten mit Prozessen. Es ist wichtig, den ersten Schritt in eine Richtung zu gehen, aber was daraus wird, wissen wir nicht. Wenn man zu viel formatiert, trocknet man aus und es hört auf, ein lebendiger Prozess zu sein. Und genau das ist uns wichtig: lebendig zu bleiben.“
So könnte Florianópolis schon bald um ein weiteres innovatives Inklusionsprojekt reicher sein. Eines, das nicht fragt, was Menschen mit Behinderung nicht können – sondern was möglich wird, wenn man ihnen vertraut.
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