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Gesundheit und Pflege

Wo sich Unternehmergeist und Heilkunst begegnen

50 Jahre Filderklinik

Eine Stuttgarter Villa wird zu klein, zwei Brüder erkennen das Potenzial – und aus einem Traum entsteht eine der bedeutendsten anthroposophischen Kliniken Europas.

Es ist das Jahr 1963, als sich in einem kleinen Kreis engagierter Ärztinnen und Ärzte eine folgenreiche Idee zu formen beginnt. In einer Stuttgarter Villa praktiziert Dr. Walter Bopp seit Kriegsende eine Art Medizin, die weit über das übliche Maß hinausgeht. Seine internistische Klinik mit gerade einmal 40 Betten arbeitet nach den Prinzipien der anthroposophischen Medizin – jener von Rudolf Steiner begründeten Heilkunst, die den Menschen und seine Gesundheit als Einheit von Körper, Seele und Geist begreift.

Doch die bescheidenen Räumlichkeiten werden der wachsenden Nachfrage nicht mehr gerecht. Was in der Villa möglich ist, stößt schnell an seine Grenzen: Es fehlt ein Aufzug, Schwerkranke müssen in Korbsesseln auf die Stationen getragen werden, moderne medizinische Ausstattung findet kaum Platz. Der Ärztekreis um Dr. Bopp träumt längst von etwas Größerem – einer modernen anthroposophischen Klinik mit verschiedenen Fachabteilungen, die Stuttgart und der Region eine echte Alternative zur rein schulmedizinischen Versorgung bieten könnte.

Dann bringt der gemeinsame Steuerberater sie mit zwei Brüdern aus dem schwäbischen Unternehmermilieu zusammen. Hermann und Ernst Mahle, die erfolgreichen Kolbenproduzenten, sind nicht nur geschäftstüchtige Industrielle, sondern auch überzeugte Anthroposophen. Als praktizierende Geschäftsmänner wissen sie: Visionen allein genügen nicht – es braucht die richtigen Partner und vor allem eine solide finanzielle Basis.

Vom Zufall zur Fügung

Das Jahr 1964 wird zum Schicksalsjahr für alle Beteiligten. Fast zeitgleich entstehen zwei Institutionen, die das Projekt Filderklinik erst möglich machen: Im März wird der gemeinnützige Verein Filderklinik e.V. ins Stuttgarter Vereinsregister eingetragen, im Dezember folgt die Gründung der MAHLE-STIFTUNG GmbH. Was wie organisatorische Routine aussieht, ist in Wahrheit die Geburtsstunde eines der ehrgeizigsten medizinischen Projekte der Region.

Die Verbindung zwischen dem Ärztekreis und den Gebrüdern Mahle erweist sich als Glücksfall. Hier treffen medizinische Kompetenz und unternehmerische Erfahrung aufeinander, hier begegnen sich Menschen, die eine gemeinsame Vision teilen: eine Medizin, die mehr ist als die Summe ihrer technischen Möglichkeiten.

Wenn Pläne auf die Realität treffen

Doch zwischen Traum und Verwirklichung liegen, wie so oft, unvorhergesehene Hindernisse. Der ursprünglich favorisierte Standort in Stuttgart-Heumaden erweist sich als nicht realisierbar. Die Zeit vergeht, Ernst Mahle wird ungeduldig – der mittlerweile Siebzigjährige möchte die Klinik noch zu Lebzeiten eröffnet sehen.

Da kommt Bewegung in die festgefahrene Situation: Friedhardt Pascher, der tatkräftige Bürgermeister des beschaulichen Filderortes Bonlanden, erkennt die Chance. Eine moderne Klinik in seiner Gemeinde – das wäre ein echter Gewinn für die Region. Gemeinsam mit seinem Kollegen Bürgermeister Illig aus dem benachbarten Plattenhardt wirbt er um das Projekt. Seine Hartnäckigkeit zahlt sich aus: Am 15. Oktober 1972 erfolgt die Grundsteinlegung auf der Haberschlaiheide, am malerischen Rand eines mit Wacholder bewachsenen Landschaftsschutzgebietes.

Mehr als nur ein Krankenhaus

Was dann entsteht, sprengt alle ursprünglichen Dimensionen. Aus den anfangs geplanten 70 bis 120 Betten werden schließlich 216 – die Filderklinik entwickelt sich zu einem Akut- und Allgemeinkrankenhaus mit den Abteilungen Innere Medizin, Chirurgie, Gynäkologie/Geburtshilfe, Pädiatrie und – für die damalige Zeit höchst ungewöhnlich – Psychosomatik. Für die zahlreichen Mitarbeitenden und ihre Familien entstehen 132 Wohnungen unterschiedlicher Größe, für die Kinder eine Tagesstätte.

Die Baukosten von etwa 50 Millionen DM übersteigen bei weitem die finanziellen Möglichkeiten der MAHLE-STIFTUNG. Kredite müssen aufgenommen werden, denn das Haus soll nicht nur funktional und technisch modern werden, sondern auch „architektonisch lebendig und künstlerisch gestaltet“, wie es in den Planungsunterlagen heißt.

Ein neues Kapitel beginnt

Am 29. September 1975 ist es endlich soweit: Die Filderklinik wird feierlich eröffnet. Mehr als 6.000 neugierige Besucherinnen und Besucher strömen zur Besichtigung des architektonisch ungewöhnlichen Krankenhauses. In seiner Ansprache würdigt Ernst Mahle seinen verstorbenen Bruder Hermann, der die Eröffnung leider nicht mehr erleben konnte.

Bereits ein Jahr zuvor war der Förderverein Filderklinik e.V. gegründet worden, der nun das Gebäude vom Verein Filderklinik e.V. mietet und den praktischen Klinikbetrieb übernimmt. Eine kluge Konstruktion, die sich bis heute bewährt.

Ein Vermächtnis mit Zukunft

Was 1963 als kühne Vision einiger Ärztinnen und Ärzte begann und durch die Weitsicht zweier Unternehmerbrüder möglich wurde, ist heute eine feste Größe in der deutschen Medizinlandschaft. Die Filderklinik zeigt täglich, dass anthroposophische Medizin und modernste Medizintechnik keine Gegensätze sind, sondern sich zu einer Heilkunst verbinden lassen, die den Menschen in seiner Ganzheit ernst nimmt.

Hermann und Ernst Mahle hätten ihre Freude daran gehabt: Aus ihrer Vision ist nicht nur ein Krankenhaus entstanden, sondern ein lebendiger Ort, an dem täglich „Gemeinwohl vor Eigennutz“ praktiziert wird – ganz im Sinne ihrer Stiftungsphilosophie.



Mehr Informationen unter www.filderklinik.de

OROBORO

Die Poesie des Werdens

Ein Dokumentarfilm aus Brasilien zeigt, wie Theater junge Menschen verwandelt. Sieben Jahre – so lange dauerte der Weg von den ersten Dreharbeiten bis zur Kinopremiere des Dokumentarfilms „OROBORO“ im März 2025. Sieben Wochen lief er in brasilianischen Kinos, wurde in sieben Städten gezeigt und erreichte viele Zuschauerinnen und Zuschauer. Ein bemerkenswerter Erfolg für einen unabhängigen, mit geringem Budget produzierten Film, der ein Thema erkundet, das der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist: die transformative Kraft der Kunst in der menschlichen Entwicklung.



WENN SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER ZU PROTAGONISTEN WERDEN

Der Film des brasilianischen Regisseurs Pablo Lobato begleitet zwei Klassen der Rudolf Steiner Waldorfschule in Belo Horizonte bei ihren Theaterprojekten: die achte Jahrgangsstufe mit Mozarts „Zauberflöte“ und die zwölfte mit dem brasilianischen Literaturklassiker „Grande Sertão: Veredas“ nach João Guimarães Rosa. Was zwischen 2018 und 2020 entstand, ist mehr als nur eine Dokumentation über Schultheater – es ist ein poetisches Zeugnis darüber, wie Kunst Körper, Geist und Seele junger Menschen berührt und formt.

„Oroboro“ – dieser Name ist nicht zufällig gewählt. Er verweist auf das mythische Symbol der Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt und damit den ewigen Kreislauf von Leben, Tod und Erneuerung darstellt. Eine Metapher, die Guimarães Rosas einzigartige Fähigkeit spiegelt, scheinbare Gegensätze zu vereinen: Leben und Tod, Gut und Böse, das Göttliche und das Profane. Genau diese Vielschichtigkeit entdeckt Lobato auch in der Arbeit der jungen Theaterspielerinnen und -spieler.

Was ich erlebte, fesselte mich sofort. Die Intensität war spürbar – nicht nur die schauspielerischen Fähigkeiten der Jugendlichen beeindruckten mich, sondern vor allem ihre Art des Miteinanders, dieser gegenseitige Respekt und die Aufmerksamkeit füreinander.

Pablo Lobato, Regisseur

Ein Anruf, der alles veränderte

Alles begann mit einem simplen Anruf. Die Zwölftklässler suchten jemanden, der ihre Aufführungen filmen könnte – mit begrenztem Budget und ohne große Erwartungen. Pablo Lobato, damals noch ahnungslos, was ihn erwarten würde, erinnert sich: „Ich verließ gerade mein Studio, als der Anruf kam. Erst wollte ich sehen, was dort passiert, um zu verstehen, wie sich das filmen lässt.“

Doch schon am nächsten Tag, bei der ersten Probe, war er gefangen. „Was ich erlebte, fesselte mich sofort. Die Intensität war spürbar – nicht nur die schauspielerischen Fähigkeiten der Jugendlichen beeindruckten mich, sondern vor allem ihre Art des Miteinanders, dieser gegenseitige Respekt und die Aufmerksamkeit füreinander.“



Eine Klasse voller Vielfalt

Was Lobato sofort auffiel, war die bemerkenswerte Vielfalt der Gruppe: „Eine unglaubliche Vielfalt: Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen, ein gehörloser Mitschüler, verschiedene Lebensweisen und Herkünfte. Eine seltene Konstellation – einfach wunderschön.“ Und dann wagten sie sich an einen der schwierigsten Texte der brasilianischen Literatur heran. „Als sie sich für Grande Sertão entschieden, dachte ich: Hier entsteht etwas ganz Besonderes!“

Die Entscheidung der Jugendlichen stieß nicht überall auf Begeisterung. Manche Lehrkräfte sorgten sich wegen der enormen Komplexität, einen der bedeutendsten Romane Brasiliens für die Bühne zu adaptieren. Doch gerade diese Entschlossenheit – ihr beharrliches Festhalten an der eigenen Wahl trotz erwachsener Zweifel – faszinierte den Filmemacher.

„Dies ist ein Film im Dienste der Kunst“, fasst Lobato seine Vision zusammen. „Wir wollten die Zuschauerinnen und Zuschauer in einen Raum künstlerischer Betrachtung einladen – einen Raum, der Emotionen weckt und Gefühle berührt. Wir haben uns für die Poesie entschieden.“

Pablo Lobato, Regisseur

Vertrauen als Grundlage

Der Weg zur Realisierung war nicht einfach. Eltern mussten der Teilnahme ihrer oft minderjährigen Kinder zustimmen, die Schule zögerte, einen so intimen pädagogischen Prozess der Öffentlichkeit preiszugeben. Erst nach vielen Gesprächen verstanden alle die Bedeutung des Vorhabens: der Welt zu zeigen, welche Schönheit und transformative Kraft die Kunst für junge Menschen bereithält.

„Erst dann öffneten sie ihre Türen wirklich und gestatteten mir Aufnahmen im Klassenzimmer“, beschreibt Lobato den Durchbruch. „Es entstand eine Vertrauensbeziehung, die es mir ermöglichte, den Schulalltag in all seinen Facetten zu dokumentieren.“



Wenn die Pandemie Theater nicht verhindert

Mitten in die Filmarbeiten platzte die COVID-19-Pandemie. Während überall Theater geschlossen wurden, wollte der Lehrer der achten Klasse seinen Schülerinnen und Schülern die Theatererfahrung nicht vorenthalten. Kurzerhand schlug er einen dreiwöchigen Rückzug vor, um Mozarts „Zauberflöte“ zu inszenieren. Lobato dokumentierte den gesamten Entstehungsprozess und erkannte das Potenzial, beide Theaterprojekte miteinander zu verweben.

„Dieser Film entstand völlig ungeplant, fast organisch“, reflektiert der Regisseur. „Nach und nach fand er seine Unterstützer, selbst Kolleginnen und Kollegen ließen sich mitreißen – alle spürten: Hier entsteht etwas Außergewöhnliches.“



Kunst für alle zugänglich machen

Nach der erfolgreichen Kinopremiere suchte das Team nach Wegen, den Film weiterzuverbreiten. Ihr Ziel: „Oroboro“ als Instrument für Reflexion und Wandel in Bildungseinrichtungen zu etablieren. Hier kam das INSTITUTO MAHLE ins Spiel. Gemeinsam brachten sie den Film zu Menschen, denen der Zugang zur Kultur traditionell verwehrt bleibt – sei es durch geografische Abgeschiedenheit oder wirtschaftliche Hürden.

Sieben Wochen lang tourte der Film durch brasilianische Städte, wurde sowohl in kommerziellen Kinos als auch in besonderen Vorführungen für Waldorf- und staatliche Schulen gezeigt. „Wir wollten den Film zu neuen Zielgruppen bringen, zu Menschen, die mit der Anthroposophie nicht vertraut sind“, erklärt Lobato das Konzept. „Bewusst haben wir darauf verzichtet, einen belehrenden Film zu schaffen. Die Menschen sollten die Kraft der Verbindung zwischen Kunst und menschlicher Entwicklung unmittelbar spüren – ohne theoretische Erklärungen.“

Die Wahl der Poesie

Im Juli 2025 wurde der Film auf Einladung des Goetheanum während des Alma Humana Kongresses im Haupttheater als Teil des offiziellen Programms gezeigt – ein Zeichen für die internationale Ausstrahlung des Projekts.

„Dies ist ein Film im Dienste der Kunst“, fasst Lobato seine Vision zusammen. „Wir wollten die Zuschauerinnen und Zuschauer in einen Raum künstlerischer Betrachtung einladen – einen Raum, der Emotionen weckt und Gefühle berührt. Wir haben uns für die Poesie entschieden.“

So erzählt „Oroboro“ nicht nur von zwei Theaterprojekten, sondern von der universellen Kraft der Kunst, junge Menschen zu verwandeln und ihnen zu helfen, ihren Platz in der Welt zu finden. Ein Film, der wie das mythische Symbol seines Namens zeigt: Aus jeder Verwandlung entsteht etwas Neues.

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PABLO LOBATO

Über den Regisseur

Pablo Lobato (geb. 1976) ist bildender Künstler und Filmemacher aus Bom Despacho, Brasilien. Sein Debütfilm „Acidente“ wurde auf renommierten Festivals wie Sundance, Locarno und Guadalajara gezeigt und gewann den Preis für den besten iberoamerikanischen Dokumentarfilm. 2009 erhielt er das prestigeträchtige John Simon Guggenheim Fellowship. Nach Jahren intensiver Arbeit in der bildenden Kunst mit Ausstellungen im MoMA (New York), New Museum (New York) und Museo Tamayo (Mexiko-Stadt) kehrt er mit „Oroboro“ zum Kino zurück.

Impressum

Herausgeber

MAHLE-STIFTUNG GmbH Leibnizstraße 35 70193 Stuttgart

Telefon: +49 711 65 66 169-0 Telefax: +49 711 65 66 169-29

E-Mail: info@mahle-stiftung.de Internet: www.mahle-stiftung.de



Konzept, Gestaltung und Realisation

Texte

Antal Adam, Stuttgart Thomas Weilacher, Zimmern ob Rottweil

Redaktion

Antal Adam Beatrice Essig Jürgen Schweiß-Ertl

Konzeption, Design und Realisation

pulsmacher GmbH



Bildrechte

Filderklinik
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Oroboro
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